Missverständnisse über das Harmonie-Fest Nr. 8 {»Weihnachten«}

Glosse von T. Schurkus

Missverständnisse über das Harmonie-Fest Nr. 8 {»Weihnachten«}

Ein Blick in TV-Zeitschrift zeigt: Weihnachten war damals. Damals besser. Romantischer. Orangen waren noch der Aufreger. Es schneite. Kinder waren dankbar. Alle glaubten an irgendwas. Ob man in 300 Jahren so auch auf unser Weihnachtsfest zurückblickt?
Hören wir einen Historiker aus dem Jahr 2318:

In letzter Zeit können wir einen erstaunlichen Trend in den Wohn-Einheiten beobachten: Man feiert das Harmonie-Fest Nr. 8 {im weiteren mit der alten Bezeichnung »Weihnachten« benannt 1} wie vor 300 Jahren – oder wie man glaubt, dass es vor 300 Jahren gewesen sei. Dieser Welle der Nostalgie liegt sicher das Interesse unser außerplanetarischen Gäste zugrunde, vor allem auf Andromeda 15 erfreuen sich Reisen zu den irdischen Harmonie-Festen großer Beliebtheit, und man ist bemüht, den entsprechenden Erwartungen entgegen zu kommen. Man muss dazu aber wissen, dass die dortigen Bewohner ihre Kenntnisse vor allem aus alten Medienbeiträgen beziehen wie »Hilfe, ich liebe einen Weihnachtsmann« oder »Wauzi rettet das Weihnachtsfest«. Immer mehr irdische Gastgeber versuchen diesen Erwartungen zu entsprechen, es ist aber unabdingbar, dass wir manche Dinge und Gewohnheiten, die vor 300 Jahren selbstverständlich waren, nicht nachstellen wollen oder dürfen. Auf einige will ich in diesem Beitrag eingehen, um den Historisch-Interessierten einen Einblick in ein authentisches Weihnachten 2018 zu bieten.

1. Die Anreise

2018 gab es noch keine Teleportation, aber natürlich möchte sich heute niemand der Gefahr aussetzen, eine Reise auf einem schwelenden Brand zu unternehmen oder gar auf einer Abfolge kleiner Explosionen, und abgesehen davon ist die Verwendung von Verbrennungsmotoren streng verboten. Neben der Fahrt mit dem Auto standen den Menschen damals der Zug zur Verfügung und das Flugzeug. Aus alten Aufzeichnungen wissen wir, dass jede dieser Reiseformen vor den Feiertagen mit großen Problemen verbunden war. Da es damals noch keine Weltwetterregulierung gab, konnte es in unseren Breitengraden zu Schneefällen und Glatteis kommen. Vor allem im Mittelmeerraum konnte es außerdem Streiks2 geben. Man hat die Bereitschaft der Menschen, diese Gefahren auf sich zu nehmen, um zum Weihnachtsfest zu kommen, idealisiert und betont, dass es die Bedeutung des Festes unterstreicht. Man darf aber nicht vergessen, dass die Menschen diese Beschwernisse auch auf sich genommen haben, um beispielsweise Personen zu betrachten, die sie auch damals schon jederzeit im Stream aufrufen konnten.
Eines konnte jedoch in der Zeit vor der Teleportation nicht geschehen: Man hatte keine Gäste überraschend an der Festtafel sitzen. Das hätte bei der damaligen Verpflegung auch zu großen Schwierigkeiten geführt.

2. Das Essen

In alten Aufzeichnungen können wir sehen, dass über Weihnachten deutlich mehr gegessen wurde, als zur Ernährung erforderlich, da es damals noch keine regulierte Nährstoffzuteilung gab. Verspeist wurden sowohl tote Tiere als auch Pflanzen3. Die Zubereitung dieser Speisen war Aufgabe der Frauen, zumindest legen das Archivbestände nahe. Die Gesellschaft war damals ausschließlich in zwei binäre Lebensformen aufgeteilt. Warum Männer bei der Zubereitung von Speisen nicht zugelassen waren, ist in der Forschung umstritten. Vermutlich galten sie als »unrein«, zumindest finden wir zahlreiche Belege dafür, dass sie als unsauber wahrgenommen wurden und deswegen häufig für eine zweigeschlechtliche Verpaarung nicht in Frage kamen4. Im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest finden wir noch weitere Beispiele für die Aufgabenteilung nach Geschlechtern.

3. »Dekoration«

Taditionelle Weihnachtsdekoration {um 2000}
aus schädlichen Materialien

Bei »Dekoration« handelt es sich um Gegenstände, die keinen erkennbaren Zweck erfüllen, sie sind meist farblich auffällig und speziell bei »Weihnachtsdekoration« finden wir funkelnde und leuchtende Artefakte. Figürliche Darstellungen arbeiten meistens mit dem Kindchen-Schema. Es wird in der Forschung daher davon ausgegangen, dass die in binären Geschlechtermustern sozialisierten Frauen zu solchen Mitteln griffen, um emotionale Defizite auszugleichen. Den Haushalten standen damals bekanntlich noch keine Mediations-Einheiten zur Verfügung. Alten Darstellungen können wir entnehmen, dass die Versorgung mit Dekoration als derart wesentlich empfunden wurde, dass man die Nutzfläche bereitwillig eingeschränkt hat. Es sind Fälle bekannt, in denen die Familien ihr Weihnachtsessen auf dem Boden abhielten, weil alle Tische voll gestellt waren.

Nachbildung eines Weihnachtsbaums

Vor der Anschaffung von Dekoration im Rahmen der historischen Darstellung muss gewarnt werden, sie hat oft zu schweren familiären Konflikten geführt5. Außerdem besteht die heute noch gehandelte Dekoration ausschließlich aus gesundheitsgefährdenden Stoffen6.

4. Geschenke

Heute ist es üblich, an Harmonie-Festen Lebenszeit zu verschenken, alles andere würde zu Recht so verstanden werden, als würde man seinem Gegenüber einen raschen Tod wünschen. Diese Möglichkeit hatten die Menschen 2018 nicht. Sie verschenkten überwiegend Gegenstände und Zahlungsmittel, manchmal sogar lebende Tiere7.
Aber schon 2018 kann man hier einen deutlichen Wandel erkennen: Virtuelle Geschenke gewinnen an Bedeutung. Abgerufen wurden diese über so genannte Smartphones oder Tablets. Der Umgang mit diesen Geräten war äußerst berührungsintensiv, die Gegenstände daher Brutstätten für Krankheitserreger. Man geht davon aus, dass die um diese Jahreszeit zunehmende Zahl von Erkrankungen an »Schnupfen« oder »Grippe« auf diese Geräte zurückzuführen ist, zumindest hat sich aus dieser Zeit der Begriff »Computervirus« erhalten. Natürlich kann man die hygienischen Verhältnisse von damals nicht mit heute vergleichen.

Figürliche Darstellung des Weihnachtsmanns {um 1990}.
Üblicherweise wurde er mit einem Sack voller Geschenke abgebildet.
Warum dieser hier mit einem Handschuh gezeigt wird,
ist nicht bekannt, vermutlich das Symbol einer Geheimgesellschaft.

Soweit also einige Anmerkungen über zentrale Elemente des Harmonie-Festes Nr. 8. Abschließend sei noch auf das kürzlich erlassene Verwaltungsedikt 2158##/hgb}>90, Unterparagraph Ä/k8880, Abteilung 5, Sektion 3WD99#p hingewiesen: »Zulassung rasch verlaufender Oxidationen/ »Verbrennungen« mit CO2-Ausstoß im Rahmen der als Harmonie-Fest anerkannten Ereignisse.« Sie erlaubt das Anzünden von so genannten »Kerzen«. Da wir im Umgang mit solchen gefährlichen Materialien nicht geübt sind, ist ein zweiwöchiger Kurs zum gefahrlosen Umgang erforderlich {sollten sich Kinder im Haushalt befinden, muss eine Zusatzschulung erfolgen}. Das Zertifikat wird beim Erwerb von Kerzen abgefragt. Vom illegalen Erwerb {so genannter »Romantikware«} wird dringend abgeraten.
Sollten sie Gäste von Andromeda erwarten, kontrollieren sie unbedingt die Methan-Filter ihrer Besucher vor dem Entzünden von Kerzen!

In diesem Sinne: Ein frohes Weihnachtsfest!

Anmerkungen

1Weihnachten wurde 2232 von der Weltverwaltungseinheit in die Liste der Harmonie-Feste aufgenommen zusammen mit dem Zuckerfest, dem Pow Wow der indigenen Völker und dem European Song Contest

2Es handelt sich dabei über eine Arbeitsverweigerung mit dem Ziel, die Bedingungen dieser Arbeit zu verbessern – einer der Faktoren, die die Abkehr von menschlicher Arbeit begünstigten.

3Es hat sich eine Subkultur entwickelt, die auch hier eine authentische Darstellung anstrebt. Davor muss dringend gewarnt werden! Die Entnahme von Pflanzen aus der Natur ist streng verboten, und das Verspeisen von Tieren sowieso.

4Ich verweise hier auf die historischen Medienbeiträge unter der Bezeichnung »Frauentausch«.

5Die Weihnachtsfeiertage müssen als sehr Konflikt geladene Phase gelten. Sogar {Selbst-}Verletzungen und Tötungen sind bekannt. Die Aufnahme in die Liste der Harmonie-Feste war daher umstritten. Wir müssen daher dringend davon abraten, im Sinne einer authentischen Darstellung, die Mediationseinheit abzuschalten. Nur sie kann im Krisenfall die erforderlichen Neurotransmitter zur Verfügung stellen.

6Ein Hinweis für diejenigen, die Gäste von Andromeda bewirten: Die Einfuhr von Dekoration ist dort streng untersagt, weil sie als Waffen klassifiziert ist.

7Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass es sich dabei um dieselben Tiere handelt, die im Verlauf des Weihnachtsfestes verspeist wurden, auch wenn das in der kürzlich erschienen Schrift »Die Wahrheit über das Harmoniefest Nr. 8« behauptet wird. Tatsächlich wurde ein Großteil der Tiere nach dem Fest in so genannte »Tierheime« abgegeben. Vermutlich erfüllten sie einen uns bisher unbekannten rituellen Zweck.