Histo Journal Glosse: Lost in Regalreihen – The German Bibliotheksstory

Glosse von Tanja Schurkus

Lost in Regalreihen – The German Bibliotheksstory

Empfindliche Personen könnten durch die folgenden Szenen irritiert werden

Die Arbeit an einem historischen Roman wäre undenkbar ohne die Unterstützung aus Archiven, Forschungsstellen und Bibliotheken. Die Beschwernisse, die diese Frauen und Männer auf sich nehmen, um unsere Anfragen zu beantworten, sind der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies ist die Geschichte dieser Heldinnen und Helden.

Es begann damit, dass ich unter dem Einfluss von viel Schokolade und Kaffee einige Schlüsselworte meines neuen Romanprojektes geflissentlich googelte und dabei auf einen Zeitungsartikel stieß. Der vermeldete die Entdeckung eines Dokuments zwischen den Seiten eines alten Buches. Einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin war die Entschlüsselung des historischen Gekritzels gelungen – sie war mit der Beute ihrer Wissbegierde abgelichtet – und sie arbeitete an einer entsprechenden Veröffentlichung. Und dieses Dokument schien genau das, was mir für meinen Roman gefehlt hatte, der historische Beweis einer bisher eher von mir erdachten Sache. Also schnell den Namen der Historikerin googeln, sie war an der betreffenden Universität als Mitarbeiterin der Bibliothek gelistet. E-Mail aufsetzen: Ich arbeite an einem Roman, blabla, habe den Artikel gefunden, blabla, ob ich wohl die Abschrift einsehen dürfe, blabla – vielen Dank! Senden.
Es gibt dann diese Phase, in der ich an sofortige und begeisterte Antwort glaube. Sie dauert etwa bis zum nächsten Tag um dieselbe Uhrzeit. Keine Antwort. Nach einer Woche: Vor einer Woche habe ich Ihnen, siehe unten … , über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Senden. Nach einer Woche: Nichts. Also anrufen zu einer Uhrzeit, zu der man an solchen Stellen garantiert jemanden erreicht: Dienstag zwischen 10 und 11:30 Uhr. Niemand hebt ab. Donnerstag das gleiche. Und am folgenden Dienstag. Ich sehe vor meinem geistigen Auge einen grauen Telefonapparat, einen mit Wählscheibe, einen der noch klingelt, nicht etwa summt oder dudelt. Ich sehe Mäuse, die panisch das Weite suchen, als dieser einsame Apparat in einem schlecht ausgeleuchteten Gang zu läuten beginnt. Eine Spinne seilt sich ab, fett genug, um den Hörer abzuheben, macht sie aber nicht. Sie ist eine Spinne im öffentlichen Dienst. So komme ich nicht weiter.
Also suche ich die Nummer der Bibliothekszentrale heraus und rufe dort an.
»Ja?«, kräht es mir entgegen. Das ist ein schlechtes Zeichen. »Ja« heißt: Wat willste? Warum störst du? Sonst hätte ich am anderen Ende gehört: »Guten Tag, hier ist die Zentralstelle der Bibliothek der Universität SummaCumLaude, mein Name ist Freundlich, wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich verkneife mir ein: »Guten Tag Frau ›Ja‹« und erzähle stattdessen meine Geschichte:
Schreibe an Roman, habe Artikel gelesen, würde gerne die wissenschaftliche Mitarbeiterin sprechen.
»Ich kann Ihnen die Durchwahl von Frau X. geben …«
»Nein, die habe ich, da geht nur niemand dran. Wann kann ich sie denn erreichen?«
»Weiß ich nicht.«
»Aber sie ist noch an der Bibliothek? Das stand zwar auf der Homepage, aber die sind ja oft nicht auf dem neusten Stand …« Das hätte ich nicht sagen dürfen.
»Unsere Homepage ist immer aktuell.«
»Ha, im Gegensatz zu meiner«, versuche ich die Sache zu retten, aber in der Leitung bleibt es still.
»Dann muss ich es wohl weiter versuchen.«
Ja, das muss ich. Strafrunden drehen. Ich wähle aber nicht mehr die Durchwahl, sondern nach drei, vier Tagen noch mal die Zentralstelle, in der Hoffnung kein »ja« an die Strippe zu bekommen. Meine Taktik geht auf, es meldet sich eine Frau M. mit schüchterner Stimme. Die Schüchternen sind gut, die kann man um den Finger wickeln. Ich erzähle meine Geschichte, s.o., die von Frau M. mit mitfühlenden Geräuschen begleitet wird. Dann bleibt es still. Vielleicht weint sie. Ich frage also, ganz sanft, nach einer Möglichkeit, mit Frau X. in Kontakt zu treten.
Die sei ja eigentlich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Bla, nicht in der Bibliothek. Ich könnte es ja mal bei der Fachbereichsleiterin Frau F. versuchen. Ich bekomme die Durchwahl. Freudig wähle ich sofort. Und nochmal am nächsten Tag. Und nochmal. Dann ist Wochenende. Und am Montag nochmal. Am Dienstag meldet sich eine Frau K. Ich frage nach Frau F. Die sei im Urlaub, aber nächste Woche wieder da. Nein, sie könne mir nicht weiterhelfen, sie sei von der Rechnungsstelle. Also nächste Woche erneut. Es meldet sich eine Frau B. Frau F sei im Mutterschutz.
»Aber letzte Woche hieß es, sie sei im Urlaub!«, protestiere ich (und habe keine Ahnung, wogegen in protestiere).
Ja, das sei richtig, letzte Woche hatte sie Resturlaub, und jetzt sei sie im Mutterschutz.
Ich erzähle also Frau B. meine Geschichte, die immer länger und verworrener wird, sodass sie am Ende mit dem Ton medizinischer Besorgtheit fragt: »Und was wollen Sie jetzt?«
»Ich möchte mit Frau X. in Verbindung treten.«
»Da sind Sie hier falsch, das müssen Sie bei der Bibliothek …«
»Nein, nein, nein«, schreie ich in das Telefon, »die haben mich ja an Sie verwiesen.«
»Bestimmt nicht.«
»Aber an Frau F.«
»Die ist im Mutterschutz.«
Ich muss an dieses Lied von Reinhard Mey denken, der durch die Behörden irrt und einen »Antrag auf Bestätigung des Nichtigkeitsvermerks zum Zwecke der …« sucht. Ich muss nicht an Kafka denken. Das macht mir Sorgen. Als Schriftsteller müsste ich an Kafka denken. Immer.
Ich appelliere an ihr Mitleid, immerhin dauert meine Odyssee durch die Telefonleitungen jetzt schon zwei Monate. Frau B wird weich. Soweit sie wisse, sei Frau X. wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Y.

»Seine Nummer? Seine Nummer?«, keuche ich.
Die dürfe sie mir nicht geben, aber er habe eine Sekretärin, Frau A., die wäre Dienstag, Donnerstag und Freitag zu erreichen, jeweils von 9-13 Uhr.
Ich fühle mich dem Ziel ganz nahe. Über meinem Schreibtisch hängt inzwischen ein Plan, darauf die Namen aller Beteiligten mit Verbindungslinien und Kenndaten, etwa so hat man die Mafia entschlüsselt. Im Zentrum »Frau X«, bisher keine durchgezogene Linie zu ihr, nur gestrichelte, Vermerke wie: »Frau B kennt Frau X?« oder: »Laut Frau M krankgeschrieben« oder: »Laut Frau L nächste Woche wieder zu erreichen.«
Donnerstag, 9:15 – die Zeit, um sich einen Kaffee zu holen, habe ich eingeplant, jetzt muss die Sekretärin am Platz sein. Nö. Aus innerer Verwahrlosung heraus versuche ich es am Montag. Und tatsächlich meldet sich Sekretärin A. Mein erster Satz: »Ich denke, Sie arbeiten montags nicht?«
Sie: »Das war mein alter Dienstplan.«
Ich gebe gar keine weiteren Erklärungen, es ist ein Moment kosmischer Gunst, also frage ich gleich nach Herrn Prof. Y. und ertappe mich bei dem bösen Gedanken, dass ein Mann mit beiläufiger Lässigkeit auflösen wird, woran ein halbes Dutzend Frauen gescheitert ist.
»Der ist in Elternzeit«, bekomme ich zur Antwort. Der öffentliche Dienst schient ein fruchtbares Umfeld zu sein. Ich frage nach seiner Vertretung. Er habe keine Vertretung, er arbeite von zu Hause aus. Ich frage nach seiner Nummer. Privatnummern könne sie nicht rausgeben. Natürlich nicht.
»Und Frau X? Gibt es die überhaupt?«
Ja, aber die habe ein Auslandssemester, soweit sie wisse. Wo, das wusste sie nicht.
»Dann versuche ich es nächstes Jahr nochmal«, erkläre ich. »Try it again next year«, wie es in dem Lied heißt, bei dem jemand auf einer Marsstation anzurufen versucht.
»Ja, das wird wohl das Beste sein«, sagte Frau A. und legt auf.
Der Plan hängt vergilbt über meinem Schreibtisch und erinnert mich täglich daran, welche Gefahren diese Menschen auf sich nehmen, um unsere unbedachten Anfragen zu beantworten: All diese Krankheiten, die in den Gängen von Bibliotheken lauern, im Staub und im Mäusekot, diese spontanen Schwangerschaften, die staatlich erzwungenen Urlaube, aber sie geben nicht auf! Das hier ist für euch: Keep on reaching for the stars!

Abspann
Frau F. schrieb mir eine Urlaubskarte von den Malediven
Frau A. legte erfolgreichen Protest gegen ihren geänderten Dienstplan ein und arbeitet jetzt wieder Dien., Don. und Freitag

Frau M. hat nach mehreren Teambildungskursen, während denen sie von Frau »Ja« vertreten wurde, ihre Schüchternheit abgelegt.
Prof. Y. war Vater von Drillingen geworden. Man hat nie mehr von ihm gehört.