Hörbuch: Rheinblick

Histo Journal Besprechung: Brigitte Glaser – »Rheinblick«

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

cover rheinblick

Autor: Brigitte Glaser
Sprecherin: Tessa Mittelstaedt
Verlag: Ullstein Buchverlage – HörbucHhamburg

Inhalt
Deutschland, im November 1972: Niemand kennt das Bonner Polittheater besser als Hilde Kessel, legendäre Wirtin des Rheinblicks. Bei ihr treffen sich Hinterbänkler und Minister, Sekretärinnen und Taxifahrer. Als der Koalitionspoker nach der Bundestagswahl härter wird, wird Hilde in das politische Ränkespiel verwickelt. Verrat ist die gültige Währung.

Gleichzeitig kämpft in der Abgeschiedenheit einer Klinik auf dem Venusberg die junge Logopädin Sonja Engel mit Willy Brandt um seine Stimme, die ihm noch in der Wahlnacht versagte. Doch auch sie gerät unter Druck. Beide Frauen sind erpressbar. Für Hilde steht ihre Existenz auf dem Spiel, Sonja will ihre kleine Schwester beschützen. Wie werden sie sich entscheiden?

8 CDs, 590 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-95713-158-4
Erschienen am 22.02.2019
Preis: 20,00 Euro

Hörprobe auf der Website des HörbucHHamburg Verlages.

»Ich musste noch lernen, dass es auch in den eigenen Reihen Leute gibt, die länger andauernden sowie durchschlagenden Erfolg übelnehmen und kaum verzeihen. Oder sollte ich sagen: Gerade in den eigenen Reihen?«

Zeitgeschichte zum Nachhören

1972 ist kein einfaches Jahr für die noch junge Bundesrepublik Deutschland. Vor allem ist es das nicht für Willy Brandt, den SPD-Mann, den die CDU Riege am liebsten in die Wüste schicken würde – oder zumindest zurück nach Berlin. Ein zuvor von der CDU initiiertes Misstrauensvotum war im Sande verlaufen. {Ironie der Geschichte: Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass zwei der CDU-Abgeordneten von der DDR ›gekauft‹ worden waren und gegen die Ziele ihrer eigenen Partei stimmten.}
1972 ist das Jahr des Misstrauensvotums gegen Brandt. Es ist das Jahr, in dem Minister Schiller {Wirtschaftsmann, den Brandt so dringend gebraucht hätte} seinen Hut nimmt, eine Weile später die SPD auf Nimmerwiedersehen verläßt, um in der CDU eine neue Heimat zu finden. Es ist das Jahr, in dem PLO Terroristen ein Attentat auf die Olympische Mannschaft Israels bei den Olympischen Spielen in München verüben und dabei alle elf israelischen Geiseln foltern und anschließend töten. Es ist das Jahr, in dem der ›Kniefall-Kanzler-Brandt‹ die drei überlebenden PLO Terroristen des Münchner Attentats freilässt, um von der PLO entführte deutsche Geiseln freizukaufen, und damit eine schwere Krise der deutsch-israelischen Beziehungen auslöst.
Zweifelsohne … 1972 ist ein hartes Jahr für Brandt an dessen Ende er selbst die Auflösung des Bundestages inklusive Neuwahlen initiiert. Im Wahlkampf wirbt Brandt bis zur körperlichen Erschöpfung um Wählerstimmen, weil er eine Rede nach der anderen hält, die eigenen Befindlichkeiten für die SPD hintanstellt. Die SPD siegt haushoch. Doch noch in der Wahlnacht zahlt Brandt den Preis für diesen wahnsinnigen Erfolg – er verliert seine Stimme.

Zeitgeschichte – aus dem Blickwinkel der Frau

Genau an diesem Punkt, Brandts Sprachlosigkeit, setzt Glaser in ihrem Roman an. Sie rückt jedoch nicht Brandt in den Fokus, sondern drei Frauen, deren jeweiliges Schicksal mit der Bonner Politik auf das Engste verknüpft ist. Wie schon in »Bühlerhöhe« erweist sich Glaser als feinfühlige und subtile Erzählerin.

Hilde gehört der ›Rheinblick‹. Als Mann wäre sie in ihren ›besten Jahren‹: Die Vierzig knapp überschritten, autonom, weil berufstätig, Witwe, attraktiv, verschwiegen, loyal. Nur ihr Privatleben, insbesondere den Traum eines erfüllten Liebeslebens, hat sie frühzeitig an den Nagel gehängt. Ihrem verstorbenen Mann, ein guter Kerl, wie selbst findet, hätte sie eigentlich treu sein müssen. Aber die Gefühle für einen anderen Mann, einem, der ihre Leidenschaft weckte, funkte dazwischen. Ein kurzes Aufflackern davon, wie Leben sein kann. Vorbei. Jetzt lebt sie für den ›Rheinblick‹, der ihr Lebenswerk ist. Hier trifft sich alles was in der Bonner Politik einen Namen hat – oder zu einem werden möchte. In ihrem Lokal geben sich die Politiker jeder Couleur und deren Gefolge die Klinke in die Hand. Es wird Tacheles geredet an den Tischen und an der Theke. Was im ›Rheinblick‹ erzählt wird, so Hildes Motto, bleibt im ›Rheinblick‹. Bis zu dem Tag, als ihre Vergangenheit sie einzuholen droht, sie in arge Bedrängnis gerät und der alte Weggefährte mit ›guten Argumenten‹ an den Festen ihrer Loyalität rüttelt … 

Mit Sonja Engel begegnet der Leser der zweiten starken Frau in ›Rheinblick‹. Sonja arbeitet als Krankenschwester, obgleich sie ausgebildete Logopädin ist. Sie ist eine Kämpferin, eine, die von Zuhause ausgebrochen ist, um dem prügelnden Vater, den sie distanziert ›den Erzeuger‹ nennt, zu entkommen. Sonja, die gerne Abitur gemacht hätte, wenn es die Umstände denn erlaubt hätten, musste sich ihren Platz innerhalb der Gesellschaft hart erkämpfen. Brandts Sprachlosigkeit eröffnet ihr die Chance ihres bisherigen Berufslebens – als Logopädin soll sie ihm seine Stimme zurückgeben. Zur win-win-Situation mausert sich der Job für sie deshalb, weil ihr nach erfolgreicher Behandlung des Kanzlers die heiß ersehnte Stelle als Logopädin winkt. Brandt erweist sich indes als ziemlich unleidlicher Patient, der einen kalten Entzug durchmacht. Darüber hinaus steckt seine Partei mitten in den Koalitionsverhandlungen und diesbezügliche Unterbrechungen der Parteifreunde sowie ein erpresserischer Verwandter erschweren Sonjas therapeutische Erfolge … 

Lotti Legrande ist die dritte im Bunde. Auf dem Bonner Politparkett bewegt sich die junge Journalistin aus der badischen Provinz erstaunlich zielstrebig. In Bonn soll Lotti ein ›nettes‹ Portrait über den Abgeordneten Dr. Wolfgang Schäuble schreiben. Ihr Chef erwartet indes keine politische, sondern mehr so eine ›Wohlfühlstory‹, da Politik den Männern der Redaktion vorbehalten bleibt {die das natürlich viel besser können}. Lotti aber will sich nicht auf ewig in die ›Frauenecke‹ drängen lassen, sondern arbeitet zielstrebig daran als Journalistin ernst genommen zu werden. Ihr journalistisches Gespür ist dafür ausgeprägt genug. Lotti kommt in der Wohngemeinschaft eines Verwandten unter und trifft dort auf Sonja, die dort ebenfalls ein Zimmer hat, sowie auf Max, der dem Klischee des ›taxifahrenden Studenten ohne wissenschaftliche Ambitionen‹ Ausdruck verleiht und ihr trotzdem irgendwie gefällt.

Der Mord an dem ›Heilsarmeemädchen‹, aufgrund ihres Mantels so genannt, erschüttert die Stadt, in der nach außen hin alles so ruhig und beschaulich vonstatten geht. Wer hat das Mädchen getötet, wer war sie, warum hat sie nicht gesprochen? Lottis Interesse ist erwacht und sie versucht aus Sonja, die das Mädchen vor deren Tod im Krankenhaus behandelt hatte, Informationen zu bekommen. Sonja indes hat mit Brandt und ihrer eigenen Familiensituation andere Sorgen als das tote Mädchen. Im ›Rheinblick‹ laufen schließlich alle Fäden zusammen … 

Mit viel Liebe zum zeitgeschichtlichen Detail lässt Glaser die frühen 1970er Jahre wieder aufleben. Der Hype um Brandt muss enorm gewesen sein. Ein Mann, der eine Zeitenwende herbeiführen wollte und – aus dem historischen Rückblick betrachtet – doch bei vielem scheiterte.
Die von Glaser geschaffenen Frauen sind starke Persönlichkeiten: Willensstark, autonom, reflektiert, emphatisch. Ihre Figuren sind ›echt‹, haben Ecken und Kanten, Träume und Sehnsüchte. Zudem gibt die Autorin ihnen den nötigen Raum, um sich zu entfalten und zu entwickeln – selbst eine Nebenfigur wie der Student Max {ein Mitbewohner Sonjas und der Inbegriff eines ›Hallodris‹} kommt in diesen Genuss {was schön ist, strapazierte er meine Geduld mit seinen Boxen und dem Gedanken an ›welche lege ich als nächste flach‹ erheblich}.

Die Sprecherin

Eines gleich vorweg: Ich mag Tessa Mittelstaedts Stimme und höre ihr gerne zu. Nur haderte ich immer dann mit eben dieser, wenn sie sich {leider erfolglos} am Kölner Dialekt abarbeitete. Wer rheinischen Singsang erwartet – und als gebürtige Kölnerin hatte ich mich darauf gefreut – wird enttäuscht werden. Das ist indes kein Manko der Sprecherin Mittelstaedt, diese liest souverän, verleiht den Figuren Tiefe und Lebendigkeit, lässt Gefühle und Stimmungen greifbar werden. Es ist vielmehr das Manko der Produktion, denn diese hätte entweder bei der Sprecherauswahl aufpassen oder ohne Dialekt einsprechen lassen müssen.

Fazit

›Rheinblick‹ ist ein gelungenes Hörbuch. Glaser taucht tief ein die Spähren der SPD und den politischen Reigen und Klüngel der damaligen Zeit, in der eine Intrige die andere ablöst, ein. Glaser erweist sich einmal mehr als eine feinsinnige Erzählerin, die ihre Leser resp. Hörer zu begeistern weiß. Neben viel Zeitkolorit, inklusive einem die Sinne raubenden Patschulidufts, dem Gefühl aufkommender Freiheit, das die junge Generation erfüllt, beflügelt von der revolutionären Entwicklung ›Pille‹, die, wie Lotti treffend vermerkt, vor allem den Männern Freiheiten gibt und die Frauen bedrängt.
Es ist spannend ihnen auf diesem Weg zu folgen, denn ganz nebenbei und auf unaufdringliche Weise erzählt Glaser politisch besetzte Frauengeschichte.