Grimms Morde von Tanja Kinkel

Hörbuch Rezension: Grimms Morde von Tanja Kinkel

Märchenhafte Morde im Kassel des Jahres 1821. Mit Annette von Droste zu Hülshoff und Jacob Grimm auf Mörderjagd.

Gehört & notiert von Alessa Schmelzer

cover grimms morde tanja kinkel

Inhalt
Der neue historische Roman der Spiegel-Bestsellerautorin Tanja Kinkel führt zurück in das neunzehnte Jahrhundert und verbindet märchenhaftes Setting und historische Spannung mit einer grausamen Mordserie. Rot wie Blut …
Kassel, 1821: Die ehemalige Mätresse des Landesfürsten wird nach Märchenart bestialisch ermordet. Die einzigen Indizien weisen ausgerechnet auf die Gebrüder Grimm. Weil die Polizei nicht in Adelskreisen ermitteln kann, die sich lieber Bericht erstatten lassen, anstatt Fragen zu beantworten, kommen den Grimms Jenny und Annette von Droste-Hülshoff zur Hilfe. Ein Zitat aus einer der Geschichten, welche die Schwestern zur Märchensammlung der Grimms beigetragen hatten, war bei der Leiche gefunden worden. Bei ihrer Suche müssen sich die vier aber auch ihrer Vergangenheit stellen: Vorurteilen, Zuneigung, Liebe – und Hass, und diese Aufgabe ist nicht weniger schwierig. In einer Zeit, wo am Theater in Kassel ein Beifallsverbot erteilt wird, damit Stücke nicht politisch missbraucht werden können, Zensur und Überwachung in deutschen Fürstentümern wieder Einzug halten und von Frauen nur Unterordnung erwartet wird, sind Herz und Verstand gefragt.
Geschickt verwebt Tanja Kinkel die privaten Verwicklungen von zwei der berühmtesten Geschwisterpaare der deutschen Literaturgeschichte in ein unglaubliches Verbrechen. Ein Mordsbuch.

Autorin: Tanja Kinkel
Sprecherin: Vanida Karun
Spieldauer: 13 Std. 39 Min.
ungekürztes Hörbuch
Anbieter: Audible Studios
Preis: 21,95 Euro

Hörprobe bei audible.

Leseprobe auf der Website des Droemer Knaur Verlags.

»Unser Blut soll über dich Rache schreien …«

Schreckliches passiert den Menschen in den Grimmschen Märchen: Eine Mutter hackt ihrer Tochter den Kopf ab, aus Versehen – huch! -, abgesehen hatte sie es eigentlich auf den Kopf ihrer Stieftochter. In einem anderen Märchen lockt ein Serienmörder seine Opfer, allesamt Mädchen, in sein Haus und tötet sie mit seinem Beil. Wieder ein anderes erzählt von einer eitlen Königin, die nach der falschen Antwort ihres magischen Spiegels beschließt, ihre Stieftochter ins Jenseits zu schicken. Menschliche Abgründe soweit das Märchenauge blickt …

Aber eben nicht nur dort. Schreckliches passiert auch 1821 in Kassel. Zumindest in Tanja Kinkels Roman »Grimms Morde«. Noch bevor der erste Absatz des Prologs verklungen ist, präsentiert die Autorin ihren Hörern auch schon die erste Leiche. Sehr zum Bedauern des Oberwachtmeisters Blauberg ist die Tote ausgerechnet die Freiin von Bachros, ihres Zeichens ehemalige Mätresse des just verstorbenen Kurfürsten. Kochend heißes Wachs hat der Mörder über das Gesicht seines wehrlosen Opfers gekippt – und sie damit sprichwörtlich ›mundtot‹ gemacht. Im Dekolletee der Dame findet sich ein Bogen Papier, auf dem steht in geübter Handschrift: »Usse Bloet soll örfer die Rache schreien, nun is kin Mensk up de Welt geboren, un wird geboren, de uns erlösen kann.« Ein Satz, mit dem Blauberg, der zweite Mann der Kasseler Polizei, nichts anzufangen weiß. Wäre da nicht Hofbibliothekar Jacob Grimm, der in die polizeiliche Untersuchung platzt, da die Tote ausgerechnet auf seinem Weg zur Arbeit ›abgelegt‹ worden ist. Das Aufeinandertreffen von Blauberg und Grimm verläuft – nennen wir es – suboptimal. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, wichtig ist, Blauberg hat Jacob fortan ›auf dem Kieker‹. Immerhin stammt das Zitat aus der Märchensammlung der Brüder. Ungewollt gerät Jacob nach und nach ins Visier des wackeren Polizisten, und nicht nur das, durch seine teils störrischen Äußerungen, teils unbedachten Handlungen schlittert er immer näher dem Abgrund und somit dem Gefängnis entgegen, denn der Mord an der Bachros wird nicht der einzige bleiben …
Lotte, die Schwester der Grimms, weiß sich nicht anders zu helfen und informiert die adligen Fräulein im Münsterland über die brisante Situation. Es ist mehr als eine Frage der Ehre, dass Annette und Jenny in Begleitung ihres Onkels, August von Haxthausen, die nächste Kutsche gen Kassel nehmen, um ihren Freunden beizustehen.

»Die Fräulein aus dem Münsterland wussten am meisten, besonders die jüngste, es ist schade, dass sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat, es war nicht gut mit ihr fertig zu werden. Sie wollte beständig brillieren und kam von einem ins andere …«

Der arme Wilhelm. Gleich bei ihrem ersten Kennenlernen, es war anno 1813 in Bökerhof, fanden er und Annette von Droste zu Hülshoff wenig Gefallen aneinander. Alles, was Wilhelm bei einem Mann unterhaltsam, herausfordernd, intelligent oder gar als kühn empfunden hätte, löst pures Entsetzten in Bezug auf Annette, also einer Frau aus. Wie gut, dass wenigstens die Schwester Jenny, dieses sanfte und zurückhaltende Wesen, einem Mann wie ihm die tonangebende Position im gesellschaftlichen Miteinander der Geschlechter zugesteht … 
Über das Erscheinen der Schwestern ist Wilhelm deshalb wenig begeistert. Aber – und da hat Lotte nun einmal recht – es sind die adligen Fräulein Annette und Jenny und August von Haxthausen, denen sich die Türen der Adelshäuser öffnen. Jacob und Wilhelm und auch dem Oberwachtmeister Blauberg bleiben sie verschlossen. Persönliche Animositäten müssen folglich hinter dem höheren Ziel – Beweis von Jacobs Unschuld – zurückstehen. Dass Annette und Jenny dabei offenbar selbst in den Fokus des Mörders geraten, konnte indes niemand voraussehen … 

»Nicht dass wir in unserer Lesegesellschaft verbotene Bücher lesen. Wir lesen nur anständige Bücher.«

Tanja Kinkel bettet die fiktive Geschichte um den Mord an der ebenfalls fiktiven Freiin von Bachros virtuos in den historischen Kontext von 1821 ein und entwirft so ein vielschichtiges Gesellschaftsporträt einer Zeit, in der es an allen ›Ecken und Enden‹ brodelte. Veränderung und Umbruch lagen damals in der Luft. Denn die Zeit des Biedermeier ist mitnichten eine Zeit friedvoller Idylle, in der sich Bürger aus reiner Freude in die behagliche Abgeschiedenheit des Privaten zurückzogen. Nicht erst seit dem Wiener Kongress gärte es im Land der Dichter und Denker. Und auch der Deutsche Bund, der auf dieser monatelang andauernden ›Tanzveranstaltung‹ in Wien gegründet worden war, brachte nicht den von vielen Deutschen ersehnten Nationalstaat, sondern war ›nur‹ ein Zusammenschluss souveräner Einzelstaaten wie Preußen, Bayern, Württemberg oder eben Kurhessen. Jene bürgerlichen Rechte, die Napoleon den besiegten deutschen Landen gebracht hatte, setzten Metternich & Co. 1815 in Wien wieder außer Kraft. Die Parole hieß Restauration statt Revolution: »Der Souverän ist nicht das Volk, sondern der Fürst«, lautete es folgerichtig in der Gründungsakte des Deutschen Bundes. Ade Code civil, ade Nationalstaat, ade herbeigesehnte Gewaltenteilung à la USA – bienvenu absolutistischer Staat.
Und so drehte auch der Kurfürst von Kurhessen die Zeit zurück, führte dank Karlsbader Beschlüsse Zensur und das Ende der Meinungsfreiheit ein. Laut gesagt werden durfte, was dem Kurfürst genehm war. Wer sich dagegen in der Öffentlichkeit regimekritisch äußerte, hockte anderntags im Gefängnis. Und auch im Privaten musste man einander schon sehr vertrauen, um zu politischen Ereignissen gefahrlos Stellung zu nehmen …
Ein – Sie haben es sicherlich schon bemerkt – auch heutzutage in einigen Staaten beliebtes und häufig angewandtes Mittel um Kritiker und Andersdenkende effizient aus dem Weg zu räumen. Mögen Annette & Co. im Kassel von vor 200 Jahre nach einem kaltblütigen Mörder suchen, manches aus dieser Zeit mutet aktueller an als einem lieb ist.

»Kann es eine größere künstlerische Herausforderung geben, als zu ergründen was einen Menschen zu einem Mord treibt?«

Ja, Adel verpflichtet … Jenny {engste Vertraute Annettes und gar nicht so naiv wie anfangs vermutet} verpflichtet er vor allem zum Verzicht. Sie mag sich in den ebenso attraktiven wie eloquenten Wilhelm {der Annette nicht ausstehen kann und eifersüchtig über deren immer vertraulicher werdendes Verhältnis zu Jacob wacht} verliebt haben und jeden seiner Briefe sehnsüchtig erwarten, tief in ihrem Inneren weiß sie, dass diese Liebe, ob Wilhelm sie nun erwidert oder nicht, allein der Standesunterschiede wegen chancenlos ist. Abgesehen einmal davon, dass Wilhelm die sanfte Jenny zwar verehrt – am liebsten aus der Ferne -, er nachts aber von einer anderen Frau träumt. Eine ungünstige Konstellation. Es ist indes diese stille Hoffnung, die Jenny ausfüllt, die einer gewissen Tragik nicht entbehrt.
Was uns wieder zu Annette {die den Mordfall unbedingt lösen möchte und diesen als intellektuelle Herausforderung begreift, sich in die Gedankenwelt eines Mörders einzufühlen und somit psychologisch zu ergründen} bringt, die sich in Liebesdingen auch nicht gerade ›comme il faut‹ verhält {und dies sicherlich nicht nur in der in diesem Hörbuch/Roman inszenierten Art und Weise – aber das zu begründen führte jetzt zu weit} und der gesellschaftliche Skandal schwebt seit Wochen wie ein Damoklesschwert über ihr. Zu verdanken hat Annette dies ihrem ›feinen‹ Onkel, Augustus von Haxthausen, der offenbar tiefer in die Affäre ›Straube‹ verstrickt ist, als er zugeben mag und auch in Kassel keine Gelegenheit auslässt Annette verbal anzugehen.

Und da ist dann noch Jacob {der im Zuge der Mordaffäre sein Leben neu bewertet und by the way feststellen muss, dass Frauen auch analytisch denken können}, den amouröse Gefühlsduseleien gänzlich kalt lassen. Er ist alles andere als ein Charmeur und die Herzen von Damen will er schon gleich gar nicht im Sturm erobern. Vermutlich möchte er weder das Herz einer Frau noch das eines Mannes gewinnen, denn für romantische Gefühle jedweder Couleur ist Jacob ganz offensichtlich der falsche Kandidat. Einzig Sachthemen wie die Märchensammlung oder die Arbeit an der »Deutschen Grammatik« lassen sein Herz höher schlagen. Zudem gibt es nur einen einzigen Menschen, an dem Jacob etwas liegt, dem er sich vorbehaltlos öffnet, und das ist sein Bruder Wilhelm. Bei ihm muss er sich für die Gefühlskälte, die andere ihm attestieren, nicht rechtfertigen.

So viel zur Gefühlslage der handelnden Hauptfiguren. Keine Frage, die könnten unterschiedlicher nicht sein. Mir waren vor allem Annette {als Vertreterin des Adels} und Jacob {als Vertreter des Bürgertums} sympathisch, weil sie eben nicht dem Bild eines Helden ohne Fehl und Tadel entsprechen und der sich die ganze Zeit über von seiner besten Seite zeigt. Kinkel zeigt beide als starke, eigensinnige {was ich als positive und keineswegs negative Eigenschaft ansehe} und leicht verletzbare Menschen.
In einer Zeit, in der Frauen schmückendes Beiwerk zu sein und das Reden und Denken den Männern zu überlassen hatten, musste eine Frau wie Annette von Droste Hülshoff zwangsläufig anecken. Zu selbstbewusst, zu wißbegierig und zu talentiert, als dass sowohl die männlichen als auch die weiblichen Verwandten dies ungesehen hinnehmen konnten. Eine solche Frau musste in ihre Schranken verwiesen werden, ob dies nun im Kreise der Familie seitens der Mutter war {»Maßlosigkeit ist in keiner Angelegenheit wünschenswert, Nette. Wir wollen nicht mehr davon sprechen.«} oder aber vom neidvollen Onkel kam, der ob Annettes gesamten aufmüpfigen Wesen ein Exempel statuierte – oder die Gesellschaft an und für sich. Denn diese akzeptierte zwar einen Fürsten mit etlichen Mätressen samt ›Bastarden‹, die kleinste Verfehlung einer Frau indes brachte diese sprichwörtlich an den Pranger gesellschaftlicher Ächtung.
Für einen Mann wie Jacob Grimm {oder auch eines August von Haxthausen} hingegen war es vergleichsweise einfach. Studieren? Und ob! Angesehener beruflicher Werdegang? Auf jeden Fall! Gebiert sich ein Mann in Gesellschaft kühl und abweisend, wenig freundlich, wurde ihm ›Entschlossenheit‹ attestiert. Verzichtete er auf eine Heirat, frönte er dem Status als Junggeselle. Seinen Beruf konnte er dennoch ausüben, seine Stellung innerhalb der Gesellschaft dennoch behaupten.
Wilhelm und Jenny bilden alles in allem Gegenparts Jacobs und Annettes. Wilhelm, der gerngesehene Gast, weil auf dem gesellschaftlichen Parkett eloquenter und freundlicher als sein Bruder. Und Jenny als eine Frau wie sie in dieser Zeit sein sollte; in allem bis zur Selbstaufgabe zurückhaltend, lieb- aber nicht aufreizend, ohne Interesse an der eigenen Selbstverwirklichung und zum Manne aufblickend, zeitgemäß mehr dem Gefühl zugeneigt als dem Verstande.
Und nebenbei muss ein Mordfall aufgeklärt werden. Klappern die Fräulein die adligen Häuser ab, um an Informationen zu kommen, während die Grimms sich in der bürgerlichen Welt umtun und dort ihr Möglichstes versuchen. Dabei entspinnt die Autorin geschickt ihren Handlungsstrang, liefert nachvollziehbare Erklärungen für das Handeln der jeweiligen Personen, legt falsche Fährten und lässt den Hörer auf der Suche nach dem Mordmotiv in die Irre rennen.

Vanida Karun, die Sprecherin

Last but not leat – die Stimme. Zugegeben, ich hatte bei der Ankündigung des Hörbuchs auf die Sprecherin Tanja Fornaro gehofft, zumal diese auch den vorherigen Kinkel Roman »Manduchai« eingelesen und mir ihre Stimme auch schon bei anderen Produktionen gefallen hatte. Mit »Grimms Morde« habe ich zum ersten Mal die Sprecherin Vanida Karun lesen gehört – und fand ihre Stimme ganz wunderbar warm, voll und sanft. Dank ihrer versierten Modulation verleiht sie den unterschiedlichen Figuren eine eigene Note, ohne dabei zu übertreiben. Karun beherrscht die ganze Palette an Emotionen: Freude, Trauer, Wut, Empörung, Entsetzen und noch so einige andere. Eine einnehmende Stimme, die hervorragend zu »Grimms Morde« passt.

Das Hörbuch als Download

»Grimms Morde« gibt es ausschließlich in Form eines exklusiven Hörbuch Downloads bei audible. Die ungekürzte Fassung dauert 13 Stunden und 39 Minuten. Besonders erfreulich ist – gerade für diejenigen, die nur das Hörbuch hören und auf das Lesen verzichten -, dass hier auch das Nachwort der Autorin eingesprochen worden ist.
Wer indes dazu neigt leicht den Überblick bei Personennamen zu verlieren, der sollte einen Blick in den Roman werfen. In diesem findet sich eine gute Übersicht der handelnden Personen. Zudem gewährt Kinkel hier Einblick in die von ihr verwendete Literatur.
Das Cover – wenn hier auch nur als Foto vorliegend – ist ein echter Hingucker. Anders als in der gebundenen Ausgabe ist es zwar kein haptisches Vergnügen {da kann man die Prägung fühlen}, aber das Design besticht durch ›Hier harmoniert das Design mit dem Inhalt‹: Das M als Initial ist blutrot {und verweist auf Märchen}, der Wolf in zeitlich passender Scherenschnittoptik balanciert direkt darunter. Der Blutfleck im Titel unterstreicht die Morde. Erhaben über allem steht in Goldlettern der Name der Autorin.

Fazit

Keine Frage – »Grimms Morde« zieht seine Hörer sofort in den Bann. Stilistisch brillant beleuchtet Kinkel nicht nur die Gesellschaft im Kontext der damaligen Zeit, sondern auch das Verhältnis der recht unterschiedlichen Geschwisterpaare zueinander. Immer wieder streut die Autorin reale Briefpassagen ein und spinnt somit ein feines Netz aus Dichtung und Wahrheit. Ob es nun um Träume und Wünsche, Hoffnungen und Ängste, Gedanken und Gefühle der Geschwister geht, in jeden noch so kleinen Winkel lässt Kinkel ihre Hörer schlüpfen und so glaubt dieser am Ende wirklich, gemeinsam mit Annette & Co. im Kassel des Jahres 1821 auf märchenhafter Mordjagd zu sein …
Absolute Hör- und Leseempfehlung.

Zur Buchbesprechung von Ilka Stitz zu »Grimms Morde«.

Zitate: Alle Zitate entstammen dem Hörbuch »Grimms Morde«.