Die Tote von Rosewood Hall

Hörbuch Rezension: »Die Tote von Rosewood hall«

Gehört & notiert von Alessa Schmelzer


»Die Tote von Rosewood Hall«
Sprecher: Sabina Godec
Autor: Annis Bell
Format: Hörbuch-Download (ungekürzt)
Laufzeit: 11 Stunden und 33 Minuten
Verlag: Amazon EU S.à r.l.

Inhalt:

Wiltshire 1860: Lord Henry Pembroke hat sich alle Mühe mit der Ausrichtung eines Balls für seine geliebte Nichte Lady Jane in Rosewood Hall gegeben. Auf der Gästeliste stehen die begehrtesten Junggesellen der Londoner Gesellschaft, denn der kranke Lord möchte die Zukunft seiner Nichte, die ihm mehr eine Tochter ist, gesichert wissen. Doch der Abend nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als geplant…

Ein verletztes Mädchen stolpert in der winterlichen Ballnacht durch den Park von Rosewood Hall und wird von Lady Jane entdeckt. Jane, eine unkonventionelle und allzu selbstbewusste junge Frau, bringt die Namenlose im Wintergarten unter. Mit ihrem letzten Atemzug bittet die Sterbende Jane darum, ihre Freundin Mary zu finden und vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Das Schicksal der gequälten Kreatur geht Jane nahe und sie verspricht, zu helfen. Unerwartete Unterstützung findet Jane durch Captain Wescott, einen verschwiegenen, eher düster wirkenden, aber auch attraktiven Mann.

»Ich werde mich niemals aufgeben. Niemals. Eher sterbe ich.«

Ehefrauen in der viktorianischen Zeit hatten vor allem eines zu sein: ein schmückendes – und selbstredend allzeit devotes – Beiwerk ihres Gatten. Nicht gerade eine der prickelndsten Zukunftsaussichten für eine selbstbewusste Frau. Auch für Lady Jane – mit ihren fünfundzwanzig Jahren immer noch auf dem Heiratsmarkt – kein erstrebenswertes Szenario. Doch genau das ist der Sinn des Balls auf Rosewood Hall. Lord Pembroke will einen geeigneten Gatten für seine Nichte finden. Nicht um sie zu malträtieren – er liebt sie gerade wegen ihrer Eigensinnigkeit – sondern um sie zu beschützen. Denn eine unverheiratete Frau braucht einen Vormund. Stirbt er, Lord Pembroke, geht die Vormundschaft auf Matthew über. Und Sohn Matthew und dessen verbiesterte Ehefrau, das weiß der alte Lord, würden Lady Jane das Leben zur Hölle machen. Eine Heirat würde das verhindern und Jane überdies die Vollmacht an ihrem Vermögen sichern. Es ist also eine echte Zwickmühle, in der sich Lady Jane befindet. Kein Wunder, dass sie dem rauschenden Fest kurz den Rücken kehren muss, um wieder ein wenig zu Atmen zu kommen. Wenig ladylike entschwindet sie kurzerhand in den winterlichen Garten. Das ist ein Wink des Himmels wie es aussieht, denn just dort findet sie ein blutjunges, ausgemergeltes und daher vollkommen entkräftetes Mädchen, das mit dem Tode ringt. Wie aus dem Nichts taucht in diesem Moment plötzlich Captain Wescott auf, der Lady Jane schon auf dem Ball aufgefallen war. Offenbar ist er ihr nach draußen gefolgt. Tatkräftig bietet er ihr seine Hilfe an. Gemeinsam bergen die beiden das sterbende Mädchen und Wescott trägt es daraufhin in den Wintergarten. Dort bleibt dem armen Geschöpf indes nicht mehr viel Zeit. Kurz bevor das Mädchen stirbt, fleht es Lady Jane mit letzter Kraft an: »Mary. Meine Mary. Sie werden sie holen. Sie müssen Mary finden, bevor die Männer wiederkommen.«

»Vielleicht bin ich genau der Mann, der Ihnen helfen kann …«

Wer auch immer diese Männer sein mögen, sie sind wohl alles andere als nett. Denn nach kurzer aber eingehender Untersuchung des toten Mädchenkörpers ist Wescott klar, dass das Mädchen vor ihrem Tod stark misshandelt worden sein muss. Lady Jane ist darüber so entsetzt, dass der dringliche Wunsch jene Mary zu suchen und zu finden, Gestalt annimmt. Bevor sie sich jedoch auf die Suche nach dieser ominösen Mary begeben kann, muss sie erst einmal ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Dem Onkel geht es zusehends schlechter, Matthew frohlockt und überdies macht Captain Wescott ihr ein unmoralisches Angebot. Letzterer schlägt ihr eine Ehe vor, die nur auf dem Papier besteht. Zugegeben, der wortkarge Captain ist nicht gerade der strahlende Ritter auf dem weißen Ross. Doch er ist der Mann, dem der alte Lord »sein Leben anvertrauen« würde. Ein solches Arrangement könnte sich zudem als wahrer Glücksfall für Lady Jane herausstellen. Auf jeden Fall wäre sie erst einmal vor Matthews Angriffen sicher. Glaubt Jane … Und nebenbei; so ganz uneigennützig geht Wescott natürlich nicht vor. Schließlich lässt er seine künftige Ehefrau wissen: »Sie haben einen Titel und Vermögen … Ich habe andere Talente, dabei wären Verbindungen in höhere Kreise von Vorteil.« Um welche Talente es sich handelt und warum eine Verbindung in höhere Kreise von Nutzen wären, nun, das alles bleibt im Dunkeln. Ob Captain Wescott also wirklich der Mann von Ehre ist, der er zu sein vorgibt?

»Niemand sollte allein sterben müssen.«

Fern von Rosewood Hall, im alten Haus ihrer Eltern, das sie mit Dogge Rufus, Diener Floyd und Zofe Hettie bezogen hat, treiben Lady Jane ganz andere Fragen um. Sie stellt auf eigene Faust Nachforschungen zum Verbleib von Mary an. Erste Spuren führen sie zu Waisenhäusern. Das tote Mädchen und Mary waren, bzw. sind Waisenkinder. Fern jeglicher Romantik aristokratischer Wohltätigkeitsbasare, das erkennt Jane, führen sie ein hartes Leben. Nach einer Weile findet sich die Lady in einem Meer aus verlorenen Kinderseelen wieder. Das alles ist berührend, weil die Waisenkinder von damals nun wirklich nicht auf Rosen gebettet waren. Nach und nach wird zudem klar, dass einige von ihnen auf Verdeih’ und Verderb einer höheren Macht ausgeliefert sind – und die treibt ein böses Spiel mit ihnen. Die Spur führt Jane geradewegs bis in die höchsten Kreise der feinen Londoner Gesellschaft. Doch gerade in diesen Kreisen glaubt Lady Jane sich auszukennen. Die Autorin Annis Bell spinnt ein feines Geflecht aus Vermutungen, Hinweisen und streut dazu jede Menge Köder aus, die nicht nur Lady Jane zu falschen Schlüssen verleiten. Bis sich die mutige Lady schließlich selbst in allerhöchste Gefahr bringt …

Fazit:

Als Mitglied der feinen Gesellschaft genießt Lady Jane enorme Vorteile: sie muss keiner geregelten Arbeit nachgehen und führt ein von finanziellen Nöten sorgenfreies Leben. Ideale Voraussetzungen also um die Zeit als Detektivin zu nutzen, zumal niemand hinter der Fassade einer viktorianischen Ehefrau eine solche vermuten würde. Das Besondere an diesem Krimi ist aber nicht nur die ungewöhnliche Besetzung. Der Krimi besticht zum einen durch die authentische Darstellung der viktorianischen Zeit, in die der Hörer hineingezogen wird. Zum anderen gefällt einfach die feine Ironie, die in den Zeilen mitschwingt.
Ein spannender und vielversprechender Auftakt zu einer neuen Krimiserie. Wer das viktorianische England liebt kommt an Lady Jane nicht vorbei. Sabina Godec liest mit angenehm samtweicher Stimme, so dass die knapp elfeinhalb Stunden wie im Flug vergehen. Aber ob nun Hörbuch oder Taschenbuch, es bleibt zu hoffen, dass Teil 2 dieser Reihe nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Informationen zum gibt es Hörbuch hier!