Der Palast der Meere – Hörbuch

»Ich habe das Herz und Gemüt eines Königs, eines Königs von England!«*

Histo Journal Buch- & Hörbuchbesprechung: »Der Palast der Meere« von Rebecca Gablé

Mit »Der Palast der Meere« ist der nunmehr fünfte Waringham Roman erschienen. Mittlerweile sind die Nachfahren in der englischen Renaissance angekommen. Auch dieser Roman ist ein Muss für alle Gablé Fans, die von dem englischen Adelsgeschlechts nicht genug bekommen können. Wer den Roman lieber vorgelesen bekommt, kann auf die Hörfassung zurückgreifen. Detlef Bierstedt hat den Roman als verkürzte Version eingesprochen.
Zum Erscheinen des neuen Waringham Romans ehrte der Lübbe Verlag seine Autorin mit einer Geste der besonderen Art: dem Waringham Bus. Ilka Stitz und Alessa Schmelzer vom Histo Journal hatten im Oktober das Vergnügen die Autorin auf ihrer ›Waringham-Bus-Tour‹ durch Köln zu begleiten und ihr vorab ein paar Fragen zum Roman zu stellen. Ein ausführliches Interview mit der Autorin findet sich hier.


»Der Palast der Meere«
Autor: Rebecca Gablé
Sprecher: Detlef Bierstedt
Fassung: gekürztes Hörbuch
Laufzeit: 909 Minuten {12 CDs/137 Tracks}
Verlag: Lübbe Audio

Der aufwendig gestaltete Schuber enthält zwei Digifiles mit jeweils sechs CDs. Die Kartenillustrationen zu Britannien und Niederlande um 1570 sowie Alte und neue Welt um 1570 sind hübsch und informativ zugleich. Im Innenteil des ersten Digifiles darf sich der Hörer über eine Auflistung der wichtigsten Personen freuen. Daneben gibt es eine Kurzbiografie zur Autorin und zum Sprecher. Im Innenteil des zweiten Digifiles finden sich zudem zwei Zitate von Zeitgenossen aus der Zeit Elizabeth I..

London 1560: Als Spionin der Krone fällt Eleanor of Waringham im Konflikt zwischen der protestantischen Königin Elizabeth I. und der katholischen Schottin Mary Stewart eine gefährliche Aufgabe zu. Ihr 15-jähriger Bruder Isaac soll unterdessen das Erbe der Waringhams antreten. Aber Isaac flieht und schleicht sich als blinder Passagier auf ein Schiff. Sein Weg führt ihn auf die Insel Teneriffa, wo er von Kapitän und Freibeuter John Hawkins als Sklave an spanische Pflanzer verkauft wird. Erst nach zwei Jahren kommt Isaac wieder frei. Doch sein Weg führt noch lange nicht zurück nach England …

Hörprobe
Website des Verlags


Gehört & Notiert von Alessa Schmelzer

Ein Waringham Bus für Rebecca Gablé

Es ist später Nachmittag. Leichter Regen setzt ein. Passanten hetzen an uns vorüber. Ein Mitarbeiter einer großen Kölner Buchhandlung verteilt rasch noch ein paar Leseproben. Während ich einen Blick auf das gelungene Cover des Romans »Der Palast der Meere« werfe, fährt der Waringham Bus einmal um den Kölner Neumarkt. Er zieht alle Blicke auf sich, denn er sticht aus dem grau-schwarz dominierten Karosserieeinerlei leuchtend heraus. Englische Renaissance in Köln …

Die Autorin Rebecca Gablé vor ›ihrem‹ Eyecatcher, dem Waringham Bus.
© MJM 2015

Kurzweilig sind diese halbstündigen Fahrten, auf denen die Autorin von der Schauspielerin und Sprecherin Nicole Engeln unterstützt wird. Engeln moderiert und übernimmt die zwei Leseparts. Gablé und Engeln sind ein gutes Team. Wenngleich das Programm klar umrissen ist, wirkt es dennoch nicht einstudiert. Engeln stellt Fragen, Gablé antwortet. Vieles erfahren die Gablé Fans auf der Fahrt. Gern – und nicht selten mit einem Augenzwinkern – teilt die Autorin ihr Wissen über England, die Seefahrt, die englische Königin und natürlich ihre Waringhams. Es ist ein erfolgreiches Konzept, dieser Wechsel aus Fragen, Antworten und Leseparts. Begeisterte Leserinnen und Leser verlassen den Bus. Sie bedanken sich für die unterhaltsame Fahrt, den neuen Roman, das Signieren des mitgebrachten Exemplars von »Der Palast der Meere«, bitten eine freundliche und bestens gelaunte Rebecca Gablé um ein gemeinsames Foto oder stellen ihr jene Fragen, die sich am Ende der Fahrt coram publico niemand zu fragen stellen traute.

Die Königin des historischen Romans

Erst vor kurzem bezeichnete Denis Scheck die Schriftstellerin Rebecca Gablé als die ›Königin des historischen Romans‹. Zu diesem Zeitpunkt befand sich »Der Palast der Meere« auf Platz 3 der Spiegel Bestsellerliste. Auf dem neuen Cover ihres fünften Waringham Romans steht nicht mehr ›Ein historischer Roman‹, sondern schlicht ›Ein Waringham Roman‹.
Nach ihrem erfolgreichen Ausflug ins deutsche Mittelalter {»Das Haupt der Welt«, 2013}, kehrt die Autorin mit dem aktuellen Roman erst einmal zurück auf die Insel. Die Waringhams seien, wird Gablé im Bus sagen, wie gute Freunde. Sei eine gewisse Zeit verstrichen, müsse sie zurück nach Waringham. Sehr zur Freude ihrer treuen Fans, denn die sind verrückt nach Robin, Blanche, Nick oder eben Isaac und Eleanor aus »Der Palast der Meere«. Mich beschleicht ein sonderbares Gefühl. Gibt es das Geschlecht der von Waringham am Ende etwa wirklich? Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Autorin bei einem Treffen mit den adligen Nachfahren zum afternoon tea mit sandwiches und scones und clotted cream über alte Zeiten, die Pferdezucht und Elizabeth I. plaudern …

Eine englische Königin mit Herz und Verstand

Zurück zu den Tatsachen. Im neuen Waringham Roman »Der Palast der Meere« befinden wir uns in der Zeit der englischen Renaissance. Unter Elizabeth I. wird England zur Seemacht aufsteigen – dank Freibeutern wie John Hawkins oder Francis Drake, denn die bessern die königliche Schatulle durch Menschenhandel und diverse Raubzüge mächtig auf. Dies alles entsetzt und verärgert die Spanier, denn ihre Schiffe und Niederlassungen sind es, die von den englischen Protestanten angegriffen und ausgeraubt werden, ihr Gold, dass in den englischen Geldbeutel fließt. Ein Konflikt, der bald eskalieren wird. Daneben bedroht die schottische Königin Mary Stuart den englischen Thron, auf den sie als Urenkelin Heinrichs VII. und Katholikin Anspruch erhebt, und somit Elizabeth I. das Leben schwer macht. Und als hätte diese damit nicht schon alle Hände voll zu tun, zaubert ihr Land für sie ganz geregelt einen neuen Heiratskandidaten aus dem Hut …

Am Puls der Macht befinden sich Eleanor und ihr Halbbruder Isaac of Waringham. Sie mögen einander nicht besonders, was nicht nur am Altersunterschied liegt. Dabei sind sie sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint.
Eleanor wuchs mit Elizabeth I. auf, deren Vertraute und Freundin sie ist. Zudem lebt sie am Hof und ist allerorts als Spionin gefürchtet. Sie ist »das Auge der Königin« und ihr entgeht nahezu nichts. Eleanor hat sich in diesem Leben, einem Leben mit Haut und Haaren für Elizabeth, eingerichtet. Sie berät Elizabeth, informiert sie und schützt sie, vereitelte Attentate inklusive. Erst als Eleanor sich ausgerechnet in den ›König der Diebe‹ verliebt, gerät ihr starr auf ›Bess‹ ausgerichtetes Leben ein wenig aus den Fugen …
Isaac erlebt derweil die Höhen und Tiefen des rauen Lebens auf hoher See. Vorbei die Londoner Zeiten, in denen sein Onkel Durham die Kohlen für ihn aus dem Feuer holte. An Bord von Kapitän Hawkins Schiff muss er ganz schnell lernen erwachsen zu werden. Vor allem muss er lernen sein loses Mundwerk im Zaum zu halten. Auf dem Schiff freundet er sich mit Francis Drake an, lernt Spanisch und saugt alles Fremde und Andersartige gierig in sich auf. Dennoch gerät er mit Hawkins aneinander, so dass dieser ihn kurzerhand in die Sklaverei verhökert. Doch Isaac wäre kein Waringham, würde er diese – temporäre – Hölle nicht überstehen. Frei nach dem Motto – was uns nicht umbringt, macht uns härter – sortiert er sein Leben neu. Schließlich ist es die Nähe zum königlichen Hof, die aus ihm einen gefürchteten Freibeuter macht …

Historische Authentizität

Elisabeth I. – Krönungsporträt

Gablés Geschichten haben Hand und Fuß, will heißen, die englische Renaissance fungiert nicht einfach als blosse Romankulisse. Die Autorin weiß sehr genau, worüber sie schreibt. Wer mag, kann viel über die Zeit vor rund 450 Jahren lernen; wie das Leben im Zentrum der königlichen Macht funktionierte, wer Freund war, wer Feind; wie das Leben in der – übrigens erstaunlich gut strukturierten – Londoner Unterwelt organisiert war oder wodurch England zur Seemacht aufstieg … Komplexe politische Zusammenhänge erzählt Gablé ebenso en passant wie wohl dosiert. Gablé will nicht belehren, sie will eine gute Geschichte erzählen. Und gute Geschichten brauchen eine packende Story und ›atmende‹ Figuren. Das alles hält »Der Palast der Meere« bereit. Doch wer noch tiefer in den Roman einsteigt – sozusagen die Meta Ebene erklimmen mag – kann einen vergleichenden Blick in unsere heutige Zeit wagen. Eine regierende Frau auf dem englischen Thron war den Zeitgenossen unheimlich. Konnte das gut gehen? Immerhin verfügte sie nicht über den überlegenden Geist eines Mannes. Und handelte sie letztlich nicht Gottes Plan zuwider, der für Frauen die Ehe und Kinderkriegen vorsah? In ihren fünfundvierzig Jahren als Königin empfing Elizabeth I. zwar den ein oder anderen Heiratswilligen Mann, ihre Hand reichte sie einem von ihnen allerdings nie. Und obgleich sie überaus intelligent, gebildet {sie sprach mehrere Sprachen fließend} und belesen, mutig und stark war, glaubte auch sie die Mär’ von der Unterlegenheit der Frau. In ihrer berühmten Tilbury Rede, die Gablé für ihren Roman neu übersetzte, heißt es: »Ich weiß, ich habe nur den Leib einer schwachen und zerbrechlichen Frau, doch ich habe das Herz und Gemüt eines Königs, eines Königs von England!« {S. 934}
Nebenbei beleuchtet Gablé erneut das Thema des religiösen Fanatismus. Anders als ihre Halbschwester Mary ist Elizabeth I. jedoch nicht vom religiösen Wahn getrieben. Im Roman erkennt Francis Walsingham, quasi der Begründer des englischen Geheimdienstes, die {leider} zeitlose Wahrheit: »Nichts verwandelt Menschen in schlimmere Bestien als die Überzeugung ihrer religiösen Überlegenheit.«
Königin Elizabeth I. regierte fünfundvierzig Jahre über das englische Volk {1558-1603}. Ihre Regierungszeit wird oft als das ›Goldene Zeitalter‹ bezeichnet. In dieser erreichten Literatur – denken wir an William Shakespeare -, Kunst und Musik ihren Höhepunkt.

Fazit

Gablé liefert mit »Der Palast der Meere« intelligente Unterhaltung auf Top Niveau. Ob die Leser den Waringham Kosmos bereits kennen, oder diesen erstmalig betreten, spielt für das Verständnis dieses Romans keine Rolle. Insider erinnern sich anhand wohl dosierter Erklärungen an bekannte Episoden aus früheren Teilen, Neulinge erfahren Neues. So ist auch das Wiedersehen mit bereits bekannten Figuren aus »Der dunkle Thron« schön, wird von der Autorin aber nicht ausgereizt. Im Fokus stehen ganz klar die Figuren Isaac und Eleanor, und deren Geschichte erzählt Gablé mit einer gehörigen Portion Verve.

Detlef Bierstedt ist einfach ›the voice‹ der Gablé Romane. Seine Stimme verschmilzt mit dem Gabléschen Waringham Kosmos wie keine zweite. Ob nun als Isaac oder Eleanor oder Elizabeth I. – Bierstedt findet stets den richtigen Ton. Souverän führt er seine Hörerinnen und Hörer durch insgesamt 909 Minuten elisabethanische Zeit. Das ist Hörgenuss pur. Eine wundervolle Aktion fürs Wochenende – CDs einlegen und bei einer Tasse Tee in den Waringham Kosmos entschwinden.

Nur ein Wunsch bleibt offen: Die exklusive Waringham Box. Natürlich eingelesen von Detlef Bierstedt.

Absolute Histo Journal Hörempfehlung!

Lieblingszitat
Mein erklärtes Lieblingszitat aus dem Roman ist: »Beim Tod am Kreuz!«. Dieser Satz entfuhr Elizabeth I., wenn sie außer sich vor Wut war. Wie die Autorin mir im Interview versicherte, handle es sich hierbei um ein Originalzitat …

*Der Palast der Meere, Rebecca Gablé, Lübbe Verlag 2015, S.934