The Danish Girl

Filmstart: The Danish Girl

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

Parfum und Puder statt Palette

Im Dänemark der 20er Jahre macht sich der Landschaftsmaler Einar Wegener auf den Weg zu sich selbst: Am Ende ist er Lili Elbe und hinterlässt mit den Aufzeichnungen »Ein Mensch ändert sein Geschlecht« die erste {Selbst}Dokumentation einer Geschlechtsangleichung.

© Univeresal Pictures

The Danish Girl
GB 2015
Regie: Tom Hooper
Darsteller: Eddie Redmayne, Alicia Vikander u.a.

Start: 07.01.16

Auch in Dänemark gab es eine Boheme

Der Film stellt uns ein modernes Ehepaar vor: Einar und Gerda Wegener arbeiten beide als Maler, während er aber große Anerkennung mit der Darstellung {schwermütiger} Landschaften findet, lässt man Gerda wissen, dass sie als Porträtmalerin ihr Motiv noch nicht gefunden hat. Fast scheint es eine Künstlerinnenbiografie zu werden aus einer Zeit, in der Frauen erstmals öffentlich Hosen trugen, kurze Haare hatten, rauchten und – zumindest in Künstlerkreisen – erotisch selbstbestimmt waren. Gerda ist die Macherin in dieser Beziehung, überzeugend verkörpert von Alicia Vikander. Sie hat die verrückten Einfälle und fordert Einar – aus Mangel an Modellen – auf, ihm als Frau Porträt zu sitzen. Eindrücklich stellt Eddie Redmayne {zuletzt als Physik-Genie Stephen Hawking auf der Leinwand} diesen Moment dar, in dem die Handgriffe weiblichen sich Kleidens Lili tief aus seiner Seele hervorrufen; und Gerda geht darauf ein: Sie ermutigt ihren Mann als ›Lili‹ auf den Künstlerball zu gehen. Doch das ›Spiel‹ kippt: Bald ist es nicht mehr Einar, der Lili spielt; sondern Lili muss Einar spielen und droht daran zu zerbrechen.

Leiden in Plüsch

Dem seelischen Leiden setzt der Film erlesene Bilder gegenüber. Beinahe jede Einstellung ist eine Inszenierung aus Art Deko. Vor allem die Garderobe spielt eine große Rolle in einer Zeit, in der – trotz der Reformbewegungen – der ›dress code‹ Männer und Frauen noch deutlich unterschied. Kurzum: Es gibt schöne Kleider und Frisuren zu sehen. Lili scheint am Ziel angekommen zu sein, als sie in der Damenabteilung eines großen Kaufhauses Parfum verkauft, statt Bilder zu malen – eine interessante Umkehrung einer herkömmlichen ›Selbstfindung‹.
Einen deutlichen, fast schmerzhaften Kontrast bilden dazu die Einstellungen, die in den Kliniken spielen – wie damals üblich wurde Einar zunächst wegen ›Geisteskrankheit‹ behandelt und lief ständig Gefahr, wegen Schizophrenie eingesperrt zu werden.
Erst ein Arzt in der Dresdener Frauenklinik bietet die Hilfe an, die ersehnt wird: Die biologische Angleichung – eine Operation, die nie zuvor durchgeführt wurde.
Leider versäumt es der Film darzustellen, wie ein Arzt sich gegen die herrschende Lehrmeinung behaupten konnte und was ihn dazu brachte, eine chirurgische Heilung anzustreben.

Beziehungsdrama statt Aktivistenbiografie

Der Film stellt die Auswirkung von Lilis Hervorbrechen auf die Ehe der beiden Hauptfiguren in den Mittelpunkt. Gerda, die zunächst die treibenden Kraft war, ist zunehmend überfordert {dabei lässt der Film Gerdas eigene lesbische Orientierung gänzlich unerwähnt}. Ergreifend ist die Szene, in der sie Lili bittet, Einar »zu holen«, weil sie mit ihm sprechen möchte – und abgewiesen wird. Den beiden hervorragenden Schauspielern gibt das Gelegenheit, die Zuschauer in den Bann zu schlagen und zu berühren – schwierig genug, ordnet man doch Männer in Frauenkleidung oft der Komik zu, um nicht zu sagen der Lächerlichkeit.

Aha!
Die echte Lili Elbe war intersexuell, d.h. sie wurde mit beiden primären biologischen Geschlechtsmerkmalen geboren. Heute gleicht man die körperlichen Merkmale i.d.R. nicht mehr sofort nach der Geburt an, sondern wartet die Entwicklung des Kindes ab.
Bei der Transsexualität hat ein Mensch eindeutige biologische Geschlechtsmerkmale, die persönliche Identität gehört aber dem jeweils anderen Geschlecht an. Als medizinisch anerkanntes Phänomen ist auch hier eine Angleichung möglich.
LGBT ist die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender {Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender}.

Trotzdem ist der Aufbau als beinahe 2-Personen-Stück auch die dramaturgische Schwäche des Films. Jeder kann sich vorstellen, zu welcher Bewährungsprobe für eine Beziehung die Selbsterkenntnis von Lili/Einar wird, zu lange hält sich der Film mit dieser Darstellung auf, während man sich als Zuschauer schon ganz andere Fragen stellt: Wie reagiert die Gesellschaft auf Lilis Entwicklung? Nach der Ballszene ist diese auffällig abwesend. Es gibt noch den Jugendfreund Hans, der sich als Stütze in der Krise erweist, aber auch Gefühle für Gerda hegt – aber was ist mit den Elternhäusern? Mit den Malerkollegen? Dem Dienstpersonal {das völlig fehlt, obwohl die Wegeners offensichtlich solvent waren}? In den 20er Jahren waren die sozialen Beziehungen enger und somit auch die soziale Kontrolle, davon ist nichts zu spüren. Dabei ist einer der schwierigsten Momente in transgender/ intersexuellen Biografien nicht {nur} die Offenbarung gegenüber dem engsten Umfeld, sondern gegenüber dem weiteren sozialen Bezugskreis. Oft entsteht aus den Reaktionen des Umfeldes die Rolle als Aktivist{in}: Das traf auf Lili Elbe nicht zu, auch wenn sie später zu einer wichtigen Referenz der LGBT-Bewegung wurde. Man hätte dem Film gewünscht, das er dieser Bedeutung mehr Rechnung getragen hätte. Hinter der Auseinandersetzung mit Trans- und Intersexualität steht immerhin auch die Frage, woher Menschen ihre Geschlechteridentität gewinnen – offenbar nicht alleine aus den biologischen Merkmalen. Diese Frage wirft der Film nicht auf, obwohl das den Zuschauern eine spannende Anregung hätte sein können, die Lilis Geschichte über die einer persönlichen hinaus gehoben hätte.

Fazit

Ein ergreifender Film, sehenswert vor allem wegen seiner schauspielerischen Leistungen und seiner Ausstattung. Leider bleiben auch einige Fragen offen. Als Biografie ist der Film unvollständig, als Beziehungsdrama zu ungewöhnlich, als Aktivistendrama zu introvertiert. Dennoch hat er sich aus allem das Beste ausgesucht.

Meine Lieblingssätze

»Und dieser Arzt hat sie also zur Frau gemacht?«
»Nein, Gott hat mich zur Frau gemacht.«

Histo Journal Filmsterne: vier von fünf