Silence

Histo Journal Cinema: »Silence«

Filmkritik von Tanja Schurkus

Inquisition mal anders rum

Martin Scorsese hat den Roman des Japaners Shusaku Endo verfilmt: Im 17. Jahrhundert verfolgt die japanische Obrigkeit den christlichen Glauben mit aller Härte. Zwei Jesuiten Priester brechen dennoch in das Land auf, um ihren Mentor, gespielt von Liam Neeson, zu suchen, von dem es heißt, dass er unter dem Druck abgeschworen habe. Insbesondere für Sebastiao {Andrew Garfield} wird diese Reise zu einer Prüfung seines Glaubens.

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© Filmplakat Concorde

Silence
USA 2016
R: Martin Scorsese
D: Andrew Garfield, Liam Neeson
Kinostart: 02.03.17

Vorweg muss gesagt werden: Zuschauer, die zum Christentum die Einstellung haben »find ich blöd« können sich den Film sparen.
Alle, die sich fragen, was das Wesen von Religion im Guten wie im Schlechten ausmacht, werden in diesem 2:40 Min langen Werk sehr viele Denkanstöße finden.
Scorsese führt in eine Welt, in der der Mensch noch sehr klein ist: Am Rande eines gewaltigen Meeres oder inmitten unbezähmter Natur klammert er sich an ein kleines Stückchen Erde. Die Priester, die heimlich in Japan landen müssen, treffen auf Bauern, die in bitterster Armut leben. Sie stehen in der Feudalherrschaft Japans ganz unten – nicht anders als die europäischen Bauern zu dieser Zeit. Und sie haben keine Aussicht darauf, dass ich ihre Situation verbessern wird. Unter ihnen ist die christliche Botschaft der Gleichheit und auf fruchtbaren Boden gefallen, freilich nur als eine Aussicht auf ein Paradies, das nicht von dieser Welt ist. Die Priester, die kaum Japanisch verstehen, nehmen gestammelte und Tränen reiche Beichten entgegen und wissen kaum, wofür sie die Absolution erteilen. Der Zuschauer fragt sich schon hier: Welchen Sinn hat es, eine Religion zu exportieren?
Sebastiao, der fast den gesamten Film als Voice Over erzählt, hat hier noch keine Zweifel: Er sieht sich dem Geist der verfolgten Urchristen nahe und lobt den einfachen aber festen Glauben der Bauern, sind sie doch ständig der Drohung des Inquisitors ausgesetzt.

Glauben und leiden, abschwören und leben

Das Martyrium ist im katholischen Glauben eine feste Größe; selbst Christus wurde ein recht bequemer Ausweg geboten und Scorsese hat sich in »Die letzte Versuchung Christi« {1988} gefragt, was geschehen wäre, wenn Christus diesen Ausweg gewählt hätte – und löste damit heftige Kontroversen aus.

Der Jesuit Sebastiao ist bereit für seinen Glauben zu leiden und zu sterben. Aber es sind die Bauern, die zunächst zum Opfer der Inquisition werden, als das Gerücht die Runde macht, sie würden Priester verstecken. Willkürlich werden einige ausgewählt und weil sie über das Versteck der Jesuiten schweigen, zu Tode gekreuzigt. Der Film inszeniert ihr Tage langes Sterben als ebenso eindrücklich wie sinnlos. Sind sie Helden ihres Glaubens oder Opfer eines großen Betrugs, der Menschen dazu verleitet, ihr Leben wegzuwerfen?
Diese Frage muss sich jeder Zuschauer selbst beantworten.
Auch Sebastiao kommen Zweifel: Warum schweigt Gott zu dem Leiden der einfachen Gläubigen? – denn daher trägt der Film seinen Titel: »Silence« meint das Schweigen Gottes gegenüber denen, die sich in der Not an ihn wenden. Und der Jesuit fragt sich: Ist da vielleicht niemand?

Wie viele Wahrheiten gibt es?

Das Opfer der Bauern hat nichts gebracht: Auch die beiden Jesuiten werden gefangen genommen und getrennt. Die zweite Hälfte des Films ist der {philosophischen} Konfrontation Sebastiaos mit dem Inquisitor gewidmet: Ein netter älterer Herr, der ständig lächelt und sich um das Wohl seines Gefangenen sorgt. Er habe nichts gegen ihn und seinen Glauben, erklärt der Inquisitor, nur habe man versäumt ihm zu sagen, dass die Japaner schon einen Glauben haben. Sebastiao dagegen spricht von der einen {christlichen} Botschaft, die dazu geeignet ist, alle von ihrem Leiden zu erlösen. Doch auch hier muss er wieder erleben, wie christliche Japaner leiden müssen, solange sie nicht abschwören. Es genügt, einen Fuß auf eine Plakette mit christlichem Motiv zu setzen, und schon ist man frei. Und auch Sebastiao soll abschwören und damit das Leben der anderen Gefangenen retten.
Sein Mentor hat es getan und schreibt nun unter Anleitung seiner japanischen »Gastgeber« ein Buch über seine »Glaubensirrtümer«.

Die Frage nach der Standhaftigkeit im Glauben {und deren Sinn} bekommt hier eine andere Note: Unter welchen Umständen lässt ein Mensch von dem, was er sich zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht hat, worauf er alle seine Energien und Wünsche richtet? Und was geschieht mit einem Menschen, der sich von dem abgewendet hat, was seinem Leben einen Sinn gibt? Es lebt sich leichter ohne schwere Aufgaben, aber lebt es sich auch glücklicher? Welche Qualität hat das Überleben nach dem, was man selbst als Verrat definieren würde?

Es ist eine Stärke des Films, dass er hierauf keine verbindliche Antwort gibt. Er schildert, mit der sehr subjektiven Stimme Sebastiaos, die Wertungen sind vordergründig und als solche zu durchschauen, dahinter lauern Fragen, die an den Kern der menschlichen Existenz rühren. Bei solch einem Unterfangen mag man einige Momente des religiösen Kitsches verzeihen {wenn sich etwa Jesus im dramatischsten Moment des Filmes zu Wort meldet und dabei klingt wie der Heiland aus »Don Camillo und Pepone«}. Dennoch werden es vermutlich diese Glaubensreferenzen sein, die einige gegen die Film einnehmen. Bei den Oscar Nominierungen ging der Film z.B. fast leer aus und das, obwohl er allein von der cineastischen Leistung her beeindruckend ist.

Fazit

Solche Filme macht man heute kaum mehr – das allein ist schon ein Grund ins Kino zu gehen. Fast drei Stunden Gottessuche dürfte aber für die meisten {säkularen} Zuschauer zu viel sein. Scorsese, der selbst einmal Priester werden wollte, nennt die Vorführung im Vatikan ein tiefes Erlebnis. Ein tiefes Erlebnis ist der Film zweifellos für jeden: Schauspielerisch hervorragend, ambivalent und bildgewaltig. Man wird jedoch kaum fünf Leute finden, sie über diesen Film derselben Meinung sind. Für mich spricht das unbedingt für »Silence«.

Histo Journal Cinema Bewertung: vier von fünf Punkten