Marie Curie

»Marie Curie«

Filmkritik von Tanja Schurkus

Strahlefrau in Schwarz

Marie und Pierre Curie bilden ein erfolgreiches Forscherpaar; nach dem Tod Pierres setzt Marie die Arbeit alleine fort und erhält als erster Mensch zum zweiten Mal den Nobelpreis. Doch ihr Erfolg wird überschattet von einem Skandal.

©NFP {Filmwelt}

Marie Curie
R: Marie Noëlle
D: Karolina Gruszka, Arieh Worthalter
Kinostart: 01.12.16

Der Film beginnt mit dem Gebären, als wäre dies das Wichtigste, was es über Marie Curie zu sagen gibt, auch wenn die Wehen, wenig gewöhnlich, zwischen Laborgeräten einsetzen. Wochenbett, Familienglück, die innige Beziehung zu Pierre Curie, das sind die Szenen in der ersten viertel Stunde des Films, als sollte erst gar kein Unbehagen mit dem außergewöhnlichen Genie Curies aufkommen. Der Nobelpreis, den sie zusammen mit Pierre erhalten hat, wird eher nebenbei erwähnt.
Die eigentliche Geschichte des Films beginnt mit dem Unfalltod Pierres: Von da an ist Marie als Mutter und Forscherin auf sich allein gestellt. Der Film versucht sich nun darin, die entstehende Doppel- und Dreifachbelastung zur Grundlage seiner Heldinnen-Geschichte zu machen: Da müssen Kindern gestreichelt und unterrichtet werden, da muss der erkrankte Schwiegervater gepflegt werden, da ist die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und die unverarbeitete Trauer und natürlich ist da der Rollenkonflikt, die »gläserne Decke«, die ihren beruflichen Aufstieg schwierig macht. All dies sind Elemente, in denen sich die moderne Zuschauerin wieder finden oder zumindest leicht hinein finden kann.

Schöner durch Radium

Ausführungen über die Grundlagenforschung in der Chemie gibt es im Film kaum, vielleicht aus Angst, das überwiegend weibliche Publikum zu langweilen oder zu überfordern {aus den selben Erwägungen hat man um 1900 Frauen von höherer Bildung in Sachen Naturwissenschaften ausgeschlossen}. Fast verwundert es daher, dass Einstein so großen Wert auf den Austausch mit Curie legte und einen kurzen, schelmischen Gastauftritt bekommt. Dabei ist das Labor der Curies der heimliche Hauptdarsteller. und man hätte sich manche Erklärung gewünscht, wofür dieses Gerät oder dieser Arbeitsschritt gut sind. Man staunt auch ohne nähere Erläuterung darüber, wie sehr der Standard in der Forschung sich in nur 100 Jahren verändert hat: Von einer Gartenlaube mit undichtem Dach zu den High-Tech-Laboren der Gegenwart. Die Forschung der Curies galt vor allem der Isolierung des Radiums, von dem man sich große Wirkung in der Krebstherapie versprach. Es war das neue Wundermittel, das auch in Hautcremes und Zahnpasta Verwendung fand, wie man in einer Szene erfährt. Marie Curie prägte zwar den Begriff »radioaktiv«, war sich aber der unmittelbaren Gefahr der Strahlung nicht bewusst und zahlte ihren gesundheitlichen Preis dafür. Aber auch sie sah die Möglichkeit des Missbrauchs z.B. in der Waffentechnik und warnte früh davor.

Nobelpreisträgerin geht baden

Der Film entwirft eine Gegenwelt zum dunklen, zugestellten Labor: Immer wieder sehen wir Marie im sommerlichen Garten mit ihren Kindern oder bei Muße-Momenten in der Badewanne. Aber besonders diese schön gefilmten Szenen haben einen Beigeschmack: soll das die Frauen freundlichere Wohlfühlwelt sein, der Gegenentwurf zu den hölzernen {männlichen} Lehr- und Forschungsstätten? Wenn Marie sich in dieser Welt aufhält, trägt sie {aus Trauer} ein strenges, hoch geknöpftes Schwarz. Dennoch – oder vielleicht deswegen – wirkt sie auf ihre männlichen Kollegen anziehend; sie beginnt eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Es kommt zum Skandal, der die Zeitungen weit mehr beherrscht, als der zweite Nobelpreis, der ihr zuerkannt wird, als erstem Menschen überhaupt. Der Film macht deutlich, gegen welche Widrigkeiten sie sich durchsetzen muss, versäumt es aber leider dennoch eben dadurch ihre eigentlichen Leistungen dem Publikum nahe zu bringen.

Fazit

»Marie Curie« ist kein herkömmliches Biopic, sondern konzentriert sich auf einige wesentliche Jahre. Der Film überzeugt mit seiner Bildsprache, auch wenn sie bisweilen plakativ ist. Schauspielerisch vielschichtig gestaltet beantwortet der Film dennoch nicht die Frage nach Curies forscherischem Antrieb. Zu sehr steht das Bemühen im Vordergrund, sie als Frau in Szene zu setzen, sodass am Ende die wenig schöne Botschaft bleibt:
»War genial aber trotzdem weiblich«.

Mein Lieblingssatz

»Radium sorgt für ein besseres Hautbild«

Histo Journal Filmpunkte: Drei von fünf Sternen