Intrige

Histo Journal Cinema: Intrige

Filmkritik von T.M. Schurkus

Paris, am Ende des 19. Jahrhunderts: Der französische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus {Louis Garrel} ist vielen ein Dorn im Auge, denn er ist Jude, der einzige im gesamten französischen Generalstab. Am 22. Dezember 1884 erreichen seine Gegner ihr Ziel: Weil er Militärgeheimnisse verraten haben soll, wird Dreyfus wegen Landesverrat von einem nicht-öffentlichen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt und auf die sogenannte Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana verbannt. Weil Dreyfus seine Unschuld beteuert und es Hinweise gibt, wonach das zentrale Schriftstück, auf dem die Verurteilung Dreyfus’ basiert, gar nicht von diesem geschrieben wurde, nimmt der neue Geheimdienstchef, der Oberstleutnant Marie-Georges Picquart {Jean Dujardin} auf eigene Faust Ermittlungen auf. Doch damit bringt er sich selbst in größte Gefahr, denn es darf unter keinen Umständen der Eindruck entstehen, dass das Militär, der Geheimdienst und die Gerichte fehlbar seien …

© Filmplakat Intrige

Intrige
Regie: Roman Polanski
Buchvorlage: Robert Harris
Darsteller: Louis Garrel, Jean Dujardin, Emmanuelle Seigner u.a.
Kinostart: 06.02.2020
Trailer: Sehen Sie hier den Trailer {externer Link}.

Freispruch?

Als Cineast freut man sich immer, wenn ein Film kontrovers diskutiert wird. Bei »Intrige« geht es in der Diskussion aber weniger um den Film, seinen Inhalt oder seine Machart: Es geht um den Regisseur Roman Polanski. Gegen ihn stehen immer noch Vorwürfe der Vergewaltigung im Raum und als Antwort darauf macht er einen Film, in dem ein Mann zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird aus keinem anderen Grund, als dass er Jude ist. Und in Interviews macht Polanski keinen Hehl daraus, dass er eine Parallele sieht zwischen sich und Alfred Dreyfus, der 1895 bezichtigt wird, Hochverrat an seinem Heimatland Frankreich begangen zu haben. Wird hier nach einem ästhetischen Freispruch verlangt, wo es einen juristischen nicht gibt {weil es bisher noch nicht zu einem Prozess kam}? Und wieder wird diskutiert, ob man Werk und Künstler trennen kann, trennen darf, vor allem dann, wenn wie in diesem Fall der Künstler selbst auf diese Verbindung besteht.
Die Frauen, die Vorwürfe gegen Polanski erheben, werden damit in den Mob eingereiht, der als erstes schreit »Der Jude war’s« – genug Stoff für öffentliche Empörung, Proteste vor den Kinos in Frankreich, Vorwürfe an Jurys die »Intrige« nominiert und ausgezeichnet haben und sich darauf berufen, nur die Filmkunst zu bewerten, nicht den Lebenswandel des Machers.

Mensch und Masse

Und der Film ist tatsächlich ein guter, manche sagen, Polanskis bester. Und vermutlich ist es ein so guter Film, weil der Regisseur damit seinem Erleben der immer wieder aufkommenden Anschuldigungen, die er als »absurd« bezeichnet, Ausdruck verliehen hat.
Der Film beginnt mit einer Totalen, in der man die versammelten Menschen erst auf den zweiten Blick wahr nimmt: Ein weiter Platz, ein graues, bombastisches Gebäude, davor eine Linie von Menschen: Soldaten, die angetreten sind, um der Degradierung Dreyfus’ beizuwohnen. Er ist der erste Mensch, dessen Gesicht gezeigt wird, ein Gesicht, das Gefühle verrät, ohne etwas zu zeigen. Der massiven Linie der Soldaten steht hinter dem Zaun der Mob gegenüber, der »dem Juden« noch Schlimmeres wünscht, als Entehrung und Verbannung – ein starker Beginn für einen Film, der von dieser Totalen fortan in die Mikro-Ebene geht: Innenräume, meist kleine, schlecht ausgeleuchtete Innenräume, voll gestopft mit Akten und Staub.

Zivilcourage eines Militärs

In dem Film, der auf dem Roman von Robert Harris basiert, geht es nicht um die Lebensgeschichte von Dreyfus, seine Gestalt rahmt die Geschichte nur. Es geht um Maries-Georges Picquart, sein ehemaliger Ausbilder, der dem Prozess gegen Dreyfus beiwohnte und nach dessen Verbannung den Geheimdienst übernimmt, der die Beweise gegen Dreyfus lieferte. Picquart, in seinem menschlichen Militarismus überzeugend von Jean Dujardin gespielt, entdeckt bald, dass diese Beweise dünn sind {vier zusammen geklebte Zettel aus der deutschen Botschaft, in denen von einem »D« die Rede ist} und obendrein gefälscht.
Picquart ist ein ambivalenter Held: Dass er selbst von einem gewissen Antisemitismus besetzt ist, streitet er nicht ab. Und er erlebt auch keine große Bekehrung, nach der er das gesamte System in Frage stellt und zum Kritiker des schwellenden Judenhasses wird. Er ist korrekt. Vorschnelle Schlüsse und Beweise, bei denen »nachgeholfen« wurde, kann er nicht akzeptieren. Er verlangt nach einer Wiederaufnahme des Prozesses, die verweigert wird, statt dessen versucht man, ihn kalt zu stellen. Erst jetzt wird er zum Whistle-Blower, trifft sich mit Presse und Schriftstellern, was in dem berühmten Beitrag von Emile Zola mündete »J’accuse ….!« Zola zählt alle Personen auf, die durch Lügen oder Schweigen zur Verurteilung Dreyfus’ beitrugen; auch Zola wurde dafür verurteilt.
Die Unerschütterlichkeit, die nie in moralische Selbstgefälligkeit mündet, macht Picquart zu einem starken, aber auch nahbaren Helden. Hier hat der Film seine starke Botschaft: Es braucht keine Übermenschen, um sich dem Unrecht entgegen zu stellen. Es braucht nur Menschen, die nicht zurück weichen.

Gelobt wurde an dem Film immer wieder seine Aktualität – wobei Filme über historische Ereignisse oft diesen »Freispruch« brauchen, um nicht als reine Kostümparty abgetan zu werden. Man blickt als Zuschauer dennoch in eine fremde Welt: nicht nur die des ausgehenden 19. Jahrhunderts sondern vor allem die des Militärs. »Uniformierung« meint hier nicht nur die Kleidung, sondern auch die Barttracht, die Sprache und die Umgangsformen, weswegen es eingangs nicht leicht fällt, sich bei den verschiedenen Figuren zu orientieren. Aber dieses »exotische« System lässt sich mühelos ersetzen durch zivile Behörden, durch Firmen und Gesellschaften: Ein System, das alles daran setzt, um sich selbst zu erhalten, bedient sich der immer gleichen Methoden. Picquart ist Teil dieses Systems, und er bleibt es – brachte es schließlich bis zum Minister. Aber er verliert darüber nicht sein Gewissen.

Der Film hat einen systolisch-diastolischen Rhythmus: Neben den »Kammerspielen« des inneren Zirkels gibt es die Szenen der Masse – fast immer der aufgewiegelte Mob, der sich anhand der wenigen Informationen, die zunächst an die Öffentlichkeit kommen eine umso heftigere Meinung bildet – auch das ein klarer Kommentar über unsere Gegenwart. Dazwischen eingestreut sind kleine Momente der Idylle, die den Gemälden der Impressionisten entsprungen scheinen und umso verlogener wirken. Das soziologische Grundthema von Individuum – Gemeinschaft – Gesellschaft findet so einen perfekten filmischen Ausdruck.

Nicht zurück weichen

Dass Dreyfus’ Freispruch und Rehabilitierung nicht als großer Höhepunkt inszeniert wird, sondern nur als Textinformation »eingereicht« wird, zeigt, dass es bei solchen Vorgängen kein triumphales Ende geben kann. Wenn der Selbsterhaltungstrieb von Systemen sich des immer wieder neu geschmiedeten Werkzeugs des Antisemitismus bedient, kann es kein versöhnliches Ende geben, nur eine vorläufige Erleichterung, wenn der fatale Prozess unterbrochen wurde. Aber hier hat der Film eine eindeutige Aussage: Man kann sich in den Weg stellen, und es genügt mitunter, einfach dort stehen zu bleiben, damit das Unrecht nicht zum Ziel kommt.

Es bleibt aber die brisante Frage, ob man etwas aus einem Film mitnehmen möchte, der sich nicht von der Frage trennen lässt: Ist Polanski unschuldig, weil Juden in der Geschichte so oft zu Unrecht angeklagt und bestraft wurden – das scheint seine Botschaft des Films zu sein. Gibt man ihm Recht, wenn man »Intrige« lobt oder sogar auszeichnet? Sind Zuschauerzahlen und Filmpreise ein Votum? Mit Sicherheit hat der Film noch einmal die Diskussion befeuert um die Arbeitsbedingungen in der Film- und Showbizbranche insbesondere für Frauen.

Fazit

In jeder Hinsicht ein wichtiger Film zur Gegenwart, dem es gelingt, die Zeitlosigkeit bedeutender historischer Ereignisse nahe zu bringen und zum Nachdenken anregt; mit Sicherheit ein Film, der zeigt, wie wichtig es ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und seinem Gewissen zu vertrauen.

Histo Journal Filmsterne: 4 von 5