Die Verführten

Histo Journal Cinema: Die Verführten

Filmkritik von Tanja Schurkus

Der will doch nur spielen

Ein Mädchenpensionat im amerikanischen Süden zur Zeit des Bürgerkriegs: Eine der Schülerinnen findet einen verletzten Soldaten der Nordstaaten. Der Feind wird im Haus aufgenommen, und bald schon buhlen die Bewohnerinnen um seine Aufmerksamkeit – mit tödlichem Ausgang.

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© Filmplakat Universal Pictures Germany

Die Verführten, USA 2017
R: Sofia Coppola
D: Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Colin Farrell
Kinostart: 29.06.17

Die Romanvorlage von Thomas Cullinans {»The Beguilded«, 1966} kehrt die üblichen Machtverhältnisse um: Der verwundete Soldat ist den Frauen ausgeliefert, sie entscheiden über sein Schicksal. Er nimmt Zuflucht zu einem ›typisch weiblichem‹ Verhaltensmuster: Der Manipulation. Den Mädchen und Frauen erzählt er, was sie hören wollen. Und sie konkurrieren um seine Aufmerksamkeit. In der ersten Verfilmung des Stoffes spielte Clint Eastwood den ungebetenen Gast, und seinem Image als Raubein und Outlaw war es zu verdanken, dass sich die Grenzen zwischen {möglichen} Tätern und Opfern ständig verschoben. Colin Farrell dagegen kann Hundeblick, und selbst in seinen Wutausbrüchen sieht man nicht wirklich etwas Bedrohliches. Und wenn er von Liebe spricht, ist man geneigt, es ihm zu glauben und geht nicht davon aus, dass er lügt, um sich vor der Auslieferung zu bewahren. Kurzum: Seiner Figur fehlt das Bedrohungspotential, das das Abgründige des Stoffes ausmacht – denn für die Frauen ist es im mehrfachen Sinn ein Spiel mit dem Verbotenen. Zum einen, weil der Umgang mit Männern strengen sittlichen Restriktionen unterliegt, zum anderen weil der Verwundete ein Feind ist. Doch der Film macht schnell deutlich, dass die Front nicht zwischen Nord und Süd verläuft, sondern dass es hier um eine Episode des Geschlechterkrieges geht. Der Mann ist eingesperrt und hilflos, die Frauen haben freien Zugang zu ihm, ständig wird der Zimmerschlüssel von ihnen im Schloss gedreht. Das könnte eine feministische Geschichte sein, aber die Frauen aller Altersklassen reagieren so, wie es erwartet wird: Sie schmücken sich, machen sich hübsch, vergessen ihre anderen Aufgaben, ob es nun Bildung ist oder der tägliche Überlebenskampf. Sie hatten kein Ziel im Leben, bis ihnen die Möglichkeit gegeben wird, einen Mann für sich zu gewinnen. Dabei wird in den spärlichen, gesetzt höflichen Dialogen deutlich, dass es weniger um unerfüllte Lüste geht als um die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Der Neuverfilmung von Sofia Coppola wird nachgesagt, dass sie im Gegensatz zum Film von 1971 die weibliche Perspektive betont, und so möchte es die Regisseurin auch verstanden wissen. In früheren Filmen wie »The Bling Ring« oder »Marie Antoinette« hat sie davon erzählt, wie eine Gesellschaft Frauen zu hohlen Schmuckobjekten macht und sie dafür verdammt. Von diesem kritischen Blick ist in »Die Verführten« nichts zu spüren. Keine der Frauen misstraut dem Charme des Fremden, keine erkennt die tatsächliche Gefahr für die Hausgemeinschaft. Sie sind Konkurrentinnen, die letztlich den Mann dafür bestrafen, dass ihre Lust nur darin Erfüllung finden kann, den Geschlechtsgenossinnen vorgezogen worden zu sein.

Die versprochenen starken Frauen gibt es in dem Film also nicht, aber das ist vielleicht auch besser so. Die Ambivalenz der Figuren hätte noch einige Wendungen erlaubt und man hätte der Neuverfilmung diesen Mut gewünscht. Aber die von Coppola selbst verfasste Drehbuchadaption hält sich zu brav an die Vorlagen. Mit Nicole Kidman und Kirsten Dunst hat der Film jedenfalls zwei Hauptdarstellerinnen, die spürbar mehr hätten zeigen wollen und können.

Wozu also die Neuverfilmung? Seine Stärke hat der Film eindeutig in der Atmosphäre. Auch wenn der {erotisch aufgeladene} schwüle Süden ein Klischee ist, lässt man die Bilder und die Geräuschkulisse gerne auf sich wirken. Allerdings glaubt man den hübsch gebügelten Kleidern der Damen nicht ganz. Die Regie-Auszeichnung in Cannes mag also mehr der insgesamt dürftig vertretenen ›weiblichen‹ Filmkunst gegolten haben als diesem Film im Besonderen.

Fazit

Wer den Stoff nicht kennt, wird mit einer gut inszenierten Geschichte unterhalten, die jedoch leider ihrer Abgründigkeit nicht ganz traut; Kino für laue Sommerabende.

Histo Journal Cinema Bewertung: 3,5 von 5