Das finstere Tal

Rubrik: Ein Buch und seine Verfilmung

Das finstere Tal – ein Dampfnudel-Western

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

Sam Riley in »Das finstere Tal«
– Foto: X-VERLEIH

»Das finstere Tal«
2014
Regie: Andreas Proschaska
Darsteller: Sam Riley, Andreas Moretti, Paula Beer u.a.
Dauer: 115 Min

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Thomas Willmann, der Autor des Romans »Das finstere Tal« {Besprechung von Ilka Stitz} zeigte sich seinerzeit überrascht vom großen Interesse am Filmstoff und es überraschte ihn auch wieder nicht. Er wollte einen Film schreiben und bedankt sich im Buch nicht von ungefähr bei Sergio Leone, dem godfather of Spaghetti-Western. Er war also in der glücklichen Situation, es sich aussuchen zu können, zumal er sich vertraglich die Filmrechte gesichert hatte. Mit Andreas Proschaska hat er einen Regisseur gefunden, der die klassische Rachegeschichte mit einer eigenständigen Bild- und Soundsprache bereichert.

Wie viel Western geht im Schnalstal?

Eine Dorfgemeinschaft durch ihre Lage abgeschnitten vom Rest der Welt – hier macht der Brenner-Bauer die Gesetze, bis ein junger Mann namens Greider erscheint und für ein lange zurück liegendes Verbrechen Rache nimmt. Das Dorf, das man sieht, ähnelt dann mehr einer Western-Stadt: Blockhäuser statt ortstypischer Lüftl-Malerei und jeder scheint zu Pferde unterwegs zu sein, was im einem armen Bergdorf eher unwahrscheinlich ist. Die Brenner-Söhne tragen alle Gewehre und besitzen das alleinige Jagdrecht – wenig konform mit der k. u. k.-Gesetzgebung. Doch daran erkennt ma: Das hier ist kein Heimatfilm. Das hier ist eine Parabel. Das finstere Tal ist überall dort, wo Menschen aus Angst oder Vorteilsuche zu einem bestehenden Unrecht schweigen. Und diese Finsternis fängt Proschaska selbst in den weiten Landschaftsaufnahmen ein: Immer gibt es ein Element der Dunkelheit, meist sind es die Menschen selbst in grauer, brauner und schwarzer Kleidung, oder es sind die Häuser in denen sie gefangen scheinen. Die Alpen, die im Winter für uns eher für Weihnachtsidylle stehen, werden hier zum Gebirge des Schweigens. Denn gesprochen wird nur das Nötigste.

Klirrende Sporen und Hammerschläge

Europäische Sporen klirren nicht, dafür sind sie viel zu klein. Greider aber, gespielt von Sam Riley, hat lange in Amerika gelebt und wenn er durchs Bild geht, klingen wuchtige amerikanische Sporen – man darf in den US Parodien des Western-Genres nicht allzu bewandert sein, sonst muss man schmunzeln. Jeder Satz, den Greider ausspricht, klingt wie eine Drohung. Die Besetzung mit dem lange in Deutschland lebenden britischen Schauspieler Sam Riley erweist sich dabei als perfekt, denn sein Akzent ist echt und glaubwürdig.

AHA!
Der Österreicher Andreas Proschaska, Jahrgang 1964, bleibt dem historischen Genre treu: Im Auftrag von ZDF und ORF arbeitet er an dem Dreiteiler »Maximilian« über den Habsburger Maximilian I {1459-1519}. Tobias Moretti ist auch wieder dabei. Der Sendetermin steht noch nicht fest, aber es wurde ein Epos mit vielen Schlachten und Burgen versprochen.

Der Akzent der anderen Schauspieler leider auch – es unterstützt den Filmgenuss, wenn man sich bereits im Alpenraum aufgehalten hat, sonst bleibt der ein oder andere Satz unverständlich {zumal in deutschsprachigen Produktionen immer gerne genuschelt wird}. In Tobias Moretti hat Riley den idealen Gegenspieler – er gibt den ältesten Brenner-Sohn als eine Mischung aus Eli Wallach und Henry Fonda. Anders als im Buch sind im Film die Linien der Konfrontation von Anfang an klar, auch damit ist der Film deutlich näher am Western als die Vorlage.
Das zu rächende Verbrechen wird durch Requisiten eingeführt: Eisennägel. Dem Geräusch der Nägel, die eingeschlagen werden, entspricht das Geräusch des Metronoms, das Greider, der Fotograf {im Buch ist er Maler}, nutzt, um die Belichtungszeit richtig zu bestimmen – und zugleich ist das »Ticktack« des Metronoms wie eine Mahnung an die Brenners, dass ihre Zeit abgelaufen ist.

Lieber lange Blicke als lange Rückblenden

Der Roman erzählt in Rückblenden vom Verbrechen an Greiders Mutter. Der Film verdichtet das in zwei, verhältnismäßig kurze Rückschauen. Was im Buch eine quälende Orgie an Grausamkeiten ist, wird im Film zu kurzen Szenen. Dabei verliert es aber nicht an Intensität – auch hier gilt, dass ein Bild oft stärker wirkt als tausend Worte. Dadurch bleibt allerdings die Rolle von Greiders Mutter als aufbegehrender Heldin auf der Strecke, ihren Überlebenskampf in der neuen Welt erleben wir im Film nicht. Das Tal als einziger Schauplatz gewinnt dadurch aber an Kraft.
Natürlich weiß man, wie die archaische Konfrontation ausgehen wird – wo der Neo-Western sich oft das Scheitern seines Helden erlaubt, bleibt »Das finstere Tal« seinen klassischen Vorbildern verpflichtet. Die Spannung erwächst für die Zuschauer daher auch weniger aus der Frage, wie es ausgehen wird sondern aus der Frage: Wie würde ich mich verhalten? Anpassen, dulden und überleben? Oder aufbegehren? Der Film rückt geschickt eine Szene in die {zeitliche} Mitte, die dem Schweigen ein erschreckendes Reden gegenüber setzt: Die Predigt des Pfarrers, in der er den jungen Brautleuten eine religiöse Pflicht zur Unterwerfung unter das Gesetz des Brenners einzureden versucht. Und auch hier unterstreicht der Film mit geschickter Bildkomposition die erdrückende Stimmung: Wuchtige, kahle Kirchenwände, schweigende, erstarrte Menschen. Ein raffinierter Gegenschnitt zeigt, wie Greider, der Rächer in solch ein statisches Bild tritt. So erzählt der Film beinahe in jeder Sequenz seine Geschichte konsequent und visuell überzeugend.

Und: Buch oder Film?

Wenn man das Buch kennt, ist es keineswegs so, dass man auf den Film verzichten könnte: Proschaska gelingt es nicht nur, eindrückliche Bilder zu finden, er lässt den Western auch wieder zu seiner klassischen Aussage finden. Gelegentlich schießt er dabei über das Ziel hinaus – Staubmäntel und wortkarge Helden haben sich in ihrem Ursprungsgenre fast schon {wieder} überlebt und das nicht erst, seit Marty MacFly zurück in die Vergangenheit reiste. Aber auch das Buch erlaubt sich immer wieder ein zu viel an Sujets.
Kameraführung, Schnitte und Sounds schaffen eine dichte Atmosphäre, die dem Buch sogar leicht überlegen ist. Willmann jedenfalls war mit der Verfilmung hoch zufrieden – und als Filmkritiker ist er schließlich von Fach.
Ich vergebe ein leichtes 3:2 für den Film.