Der Palast der Meere

»Ich habe das Herz und Gemüt eines Königs, eines Königs von England!«*

Histo Journal Buchbesprechung: »Der Palast der Meere« von Rebecca Gablé

Mit »Der Palast der Meere« ist der nunmehr fünfte Waringham Roman erschienen. Mittlerweile sind die Nachfahren in der englischen Renaissance angekommen. Auch dieser Roman ist ein Muss für alle Gablé Fans, die von dem englischen Adelsgeschlechts nicht genug bekommen können. Wer den Roman lieber vorgelesen bekommt, kann auf die Hörfassung zurückgreifen. Detlef Bierstedt hat den Roman als verkürzte Version eingesprochen.

Zum Erscheinen des neuen Waringham Romans ehrte der Lübbe Verlag seine Autorin mit einer Geste der besonderen Art: dem Waringham Bus. Ilka Stitz und Alessa Schmelzer vom Histo Journal hatten im Oktober das Vergnügen die Autorin auf ihrer ›Waringham-Bus-Tour‹ durch Köln zu begleiten und ihr vorab ein paar Fragen zum Roman zu stellen. Ein ausführliches Interview mit der Autorin findet sich hier.

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer


Rebecca Gablé
»Der Palast der Meere«
Ein Waringham-Roman
Mit Illustrationen von Jürgen Speh

Inhalt:
London 1560: Als Spionin der Krone fällt Eleanor of Waringham im Konflikt zwischen der protestantischen Königin Elizabeth I. und der katholischen Schottin Mary Stewart eine gefährliche Aufgabe zu. Ihre Nähe zur Königin schafft Neider, und als Eleanor sich in den geheimnisvollen König der Diebe verliebt, macht sie sich angreifbar. Unterdessen schleicht sich ihr fünfzehnjähriger Bruder Isaac in Plymouth als blinder Passagier auf ein Schiff. Nach seiner Entdeckung wird er als Sklave an spanische Pflanzer auf der Insel Teneriffa verkauft. Erst nach zwei Jahren kommt Isaac wieder frei – unter der Bedingung, dass er in den Dienst des Freibeuters John Hawkins tritt. Zu spät merkt Isaac, dass Hawkins sich als Sklavenhändler betätigt – und dass sein Weg noch lange nicht zurück nach England führt …

Leseprobe
Website des Verlags

Ein Waringham Bus für Rebecca Gablé

Es ist später Nachmittag. Leichter Regen setzt ein. Passanten hetzen an uns vorüber. Ein Mitarbeiter einer großen Kölner Buchhandlung verteilt rasch noch ein paar Leseproben. Während ich einen Blick auf das gelungene Cover des Romans »Der Palast der Meere« werfe, fährt der Waringham Bus einmal um den Kölner Neumarkt. Er zieht alle Blicke auf sich, denn er sticht aus dem grau-schwarz dominierten Karosserieeinerlei leuchtend heraus. Englische Renaissance in Köln …

Die Autorin Rebecca Gablé vor ›ihrem‹ Eyecatcher, dem Waringham Bus.
© MJM 2015

Kurzweilig sind diese halbstündigen Fahrten, auf denen die Autorin von der Schauspielerin und Sprecherin Nicole Engeln unterstützt wird. Engeln moderiert und übernimmt die zwei Leseparts. Gablé und Engeln sind ein gutes Team. Wenngleich das Programm klar umrissen ist, wirkt es dennoch nicht einstudiert. Engeln stellt Fragen, Gablé antwortet. Vieles erfahren die Gablé Fans auf der Fahrt. Gern – und nicht selten mit einem Augenzwinkern – teilt die Autorin ihr Wissen über England, die Seefahrt, die englische Königin und natürlich ihre Waringhams. Es ist ein erfolgreiches Konzept, dieser Wechsel aus Fragen, Antworten und Leseparts. Begeisterte Leserinnen und Leser verlassen den Bus. Sie bedanken sich für die unterhaltsame Fahrt, den neuen Roman, das Signieren des mitgebrachten Exemplars von »Der Palast der Meere«, bitten eine freundliche und bestens gelaunte Rebecca Gablé um ein gemeinsames Foto oder stellen ihr jene Fragen, die sich am Ende der Fahrt coram publico niemand zu fragen stellen traute.

Die Königin des historischen Romans

Erst vor kurzem bezeichnete Denis Scheck die Schriftstellerin Rebecca Gablé als die ›Königin des historischen Romans‹. Zu diesem Zeitpunkt befand sich »Der Palast der Meere« auf Platz 3 der Spiegel Bestsellerliste. Auf dem neuen Cover ihres fünften Waringham Romans steht nicht mehr ›Ein historischer Roman‹, sondern schlicht ›Ein Waringham Roman‹.
Nach ihrem erfolgreichen Ausflug ins deutsche Mittelalter {»Das Haupt der Welt«, 2013}, kehrt die Autorin mit dem aktuellen Roman erst einmal zurück auf die Insel. Die Waringhams seien, wird Gablé im Bus sagen, wie gute Freunde. Sei eine gewisse Zeit verstrichen, müsse sie zurück nach Waringham. Sehr zur Freude ihrer treuen Fans, denn die sind verrückt nach Robin, Blanche, Nick oder eben Isaac und Eleanor aus »Der Palast der Meere«. Mich beschleicht ein sonderbares Gefühl. Gibt es das Geschlecht derer von Waringham am Ende etwa wirklich? Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Autorin bei einem Treffen mit den adligen Nachfahren zum afternoon tea mit sandwiches und scones und clotted cream über alte Zeiten, die Pferdezucht und Elizabeth I. plaudern …

Eine englische Königin mit Herz und Verstand

Zurück zu den Tatsachen. Im neuen Waringham Roman »Der Palast der Meere« befinden wir uns in der Zeit der englischen Renaissance. Unter Elizabeth I. wird England zur Seemacht aufsteigen – dank Freibeutern wie John Hawkins oder Francis Drake, denn die bessern die königliche Schatulle durch Menschenhandel und diverse Raubzüge mächtig auf. Dies alles entsetzt und verärgert die Spanier, denn ihre Schiffe und Niederlassungen sind es, die von den englischen Protestanten angegriffen und ausgeraubt werden, ihr Gold, dass in den englischen Geldbeutel fließt. Ein Konflikt, der bald eskalieren wird. Daneben bedroht die schottische Königin Mary Stuart den englischen Thron, auf den sie als Urenkelin Heinrichs VII. und Katholikin Anspruch erhebt, und somit Elizabeth I. das Leben schwer macht. Und als hätte diese damit nicht schon alle Hände voll zu tun, zaubert ihr Land für sie ganz geregelt einen neuen Heiratskandidaten aus dem Hut …

Am Puls der Macht befinden sich Eleanor und ihr Halbbruder Isaac of Waringham. Sie mögen einander nicht besonders, was nicht nur am Altersunterschied liegt. Dabei sind sie sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheint.
Eleanor wuchs mit Elizabeth I. auf, deren Vertraute und Freundin sie ist. Zudem lebt sie am Hof und ist allerorts als Spionin gefürchtet. Sie ist »das Auge der Königin« und ihr entgeht nahezu nichts. Eleanor hat sich in diesem Leben, einem Leben mit Haut und Haaren für Elizabeth, eingerichtet. Sie berät Elizabeth, informiert sie und schützt sie, vereitelte Attentate inklusive. Erst als Eleanor sich ausgerechnet in den ›König der Diebe‹ verliebt, gerät ihr starr auf ›Bess‹ ausgerichtetes Leben ein wenig aus den Fugen …
Isaac erlebt derweil die Höhen und Tiefen des rauen Lebens auf hoher See. Vorbei die Londoner Zeiten, in denen sein Onkel Durham die Kohlen für ihn aus dem Feuer holte. An Bord von Kapitän Hawkins Schiff muss er ganz schnell lernen erwachsen zu werden. Vor allem muss er lernen sein loses Mundwerk im Zaum zu halten. Auf dem Schiff freundet er sich mit Francis Drake an, lernt Spanisch und saugt alles Fremde und Andersartige gierig in sich auf. Dennoch gerät er mit Hawkins aneinander, so dass dieser ihn kurzerhand in die Sklaverei verhökert. Doch Isaac wäre kein Waringham, würde er diese – temporäre – Hölle nicht überstehen. Frei nach dem Motto – was uns nicht umbringt, macht uns härter – sortiert er sein Leben neu. Schließlich ist es die Nähe zum königlichen Hof, die aus ihm einen gefürchteten Freibeuter macht …

Historische Authentizität

Elisabeth I. – Krönungsporträt

Gablés Geschichten haben Hand und Fuß, will heißen, die englische Renaissance fungiert nicht einfach als blosse Romankulisse. Die Autorin weiß sehr genau, worüber sie schreibt. Wer mag, kann viel über die Zeit vor rund 450 Jahren lernen; wie das Leben im Zentrum der königlichen Macht funktionierte, wer Freund war, wer Feind; wie das Leben in der – übrigens erstaunlich gut strukturierten – Londoner Unterwelt organisiert war oder wodurch England zur Seemacht aufstieg … Komplexe politische Zusammenhänge erzählt Gablé ebenso en passant wie wohl dosiert. Gablé will nicht belehren, sie will eine gute Geschichte erzählen. Und gute Geschichten brauchen eine packende Story und ›atmende‹ Figuren. Das alles hält »Der Palast der Meere« bereit. Doch wer noch tiefer in den Roman einsteigt – sozusagen die Meta Ebene erklimmen mag – kann einen vergleichenden Blick in unsere heutige Zeit wagen. Eine regierende Frau auf dem englischen Thron war den Zeitgenossen unheimlich. Konnte das gut gehen? Immerhin verfügte sie nicht über den überlegenden Geist eines Mannes. Und handelte sie letztlich nicht Gottes Plan zuwider, der für Frauen die Ehe und Kinderkriegen vorsah? In ihren fünfundvierzig Jahren als Königin empfing Elizabeth I. zwar den ein oder anderen Heiratswilligen Mann, ihre Hand reichte sie einem von ihnen allerdings nie. Und obgleich sie überaus intelligent, gebildet {sie sprach mehrere Sprachen fließend} und belesen, mutig und stark war, glaubte auch sie die Mär’ von der Unterlegenheit der Frau. In ihrer berühmten Tilbury Rede, die Gablé für ihren Roman neu übersetzte, heißt es: »Ich weiß, ich habe nur den Leib einer schwachen und zerbrechlichen Frau, doch ich habe das Herz und Gemüt eines Königs, eines Königs von England!« {S. 934}

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