Werkstattgespräch: Heidi Rehn

Aus der Werkstatt – Ein Gespräch über das aktuelle Projekt mit Heidi Rehn.

Histo Journal Special: Heidi Rehn – Teil 5

Das Werkstattgespräch steht ganz im Zeichen des neuen Projektes »Tanz des Vergessens«. Denn nach dem Roman ist vor dem Roman. »Tanz des Vergessens« wird 2015 erscheinen. In diesem Werkstattgespräch gewährt Heidi Rehn spannende Einblicke in die Welt des neuen Romans, reflektiert ihr schriftstellerisches Schaffen und erklärt, warum ihr Ehemann immer erst das fertige Buch lesen darf.

von Alessa Schmelzer

Histo Journal: Dein neues Projekt »Tanz des Vergessens« schließt direkt an die Zeit des Romans »Der Sommer der Freiheit« an. Was reizte dich daran, dich der Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg zuzuwenden?

Heidi Rehn {HR}: Mich interessieren generell die großen Umbruchzeiten, wenn danach nichts mehr ist, wie es vorher einmal war. Der Erste Weltkrieg hat als die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« nicht nur die damalige Welt und Gesellschaft aus den Angeln gehoben, er hat auch das Leben jedes einzelnen danach komplett verändert. Im »Sommer der Freiheit« geht es vor allem um die Generation, die kurz vor Beginn des Krieges gerade in die Erwachsenenwelt eingetreten ist und dabei schon erste Kostproben vom Leben geschmeckt hat, dann allerdings kriegsbedingt sämtliche Pläne und Träume über Bord werfen und sich mit dem Alltag an der Front bzw. den Einschränkungen zuhause arrangieren muss. Im »Tanz des Vergessens« stehen dagegen jene im Zentrum, die in den letzten Kriegsjahren erst erwachsen geworden sind und mit Kriegsende die ganz große Hoffnung hegen, jetzt endlich das »wahre« Leben leben zu können. Sie hatten vorher ja quasi noch gar nichts davon kennengelernt. Nach dem ständigen Hunger, der unendlichen Not, den grausamen Erlebnissen in den letzten Kriegstagen sowie in den Wirren der Revolutionszeit 1918/19 hoffen sie, sich endlich die Zukunft nach eigenen Ideen gestalten und ihre kühnsten Träume verwirklichen zu können. Sie wollen vergessen, was war, und einfach nur nach vorn blicken und endlich einmal gute Zeiten kennenlernen. 


Histo Journal: Wird es noch einen weiteren Roman in den »Goldenen Zwanzigern« geben?

HR: Gerade plane ich einen dritten und quasi die Epoche abschließenden Roman, der zwar wiederum eine in sich abgeschlossene Geschichte mit völlig neuen Figuren erzählt, zeitlich aber exakt an den »Tanz des Vergessens« anschließt. Erzählt wird dieses Mal die Geschichte einer jungen Frau, die sich die Wirren der ersten Jahre der Weimarer Republik zunutze macht, um sich völlig neu zu erfinden. Aus mittellosen Verhältnissen stammend gelingt ihr der Sprung in die sogenannte »bessere Gesellschaft«. Inwieweit damit wirklich die sogenannten »Goldenen Zwanziger« für sie und auch die anderen anbrechen, wird sich zeigen …

Histo Journal: Thematisierst du auch schon den zunehmenden Antisemitismus?

HR: Im »Tanz des Vergessens« tauchen Figuren mit jüdischem Hintergrund auf: Judith Lichtblau und Max Smola, die engsten Freunde von Lou. Es wird für sie sicherlich nicht einfach werden. Im dritten Roman, der die zweite Hälfte der 1920er Jahre im Zentrum hat, wird der zunehmende Antisemitismus, der im »Tanz des Vergessens« durchaus schon durchscheint, sicherlich noch deutlicher werden.


»Im »Tanz des Vergessens« stehen dagegen jene im Zentrum, die in den letzten Kriegsjahren erst erwachsen geworden sind und mit Kriegsende die ganz große Hoffnung hegen, jetzt endlich das »wahre« Leben leben zu können.«

Histo Journal: Stand von vornherein fest, dass es mehrere Teile geben würde?


HR: Das hat sich erst während der Recherche und dem Schreiben am »Sommer der Freiheit« ergeben. Das frühe 20. Jahrhundert fasziniert mich seit langem. Ich lese nicht nur gern über die Zeit, sondern auch Romane, Erzählungen, Tagebücher, Biographien aus der Zeit selbst. Dabei sind mir die verschiedenen Aspekte, die ich letztlich in den drei Romanen behandele, zunehmend bewusst geworden und ich habe die Idee entwickelt, das auf drei in sich abgeschlossene Romane mit jeweils anderen Hauptfiguren aufzuteilen.

Histo Journal: Wann hast du das erste Mal über dein neues/aktuelles Projekt nachgedacht? War das alte schon komplett abgeschlossen oder gibt es auch die ineinander fließenden Gedanken? Mir kommt Patricia Highsmith in den Sinn. Sie führte eine Art Tagebuch. Darin notierte sie alle möglichen Gedanken und Ideen, {auch} um sie nicht zu vergessen.

HR: Die ersten Ideen zu neuen Romanen kommen mir eigentlich immer zu unpassenden Zeitpunkten, d.h. wenn ich gerade mitten im Schreiben eines anderen Romans stecke, auf Reisen bin oder im Theater sitze, U-Bahn fahre etc. Ich besitze unzählige Notizbücher (ich liebe Notizbücher!), gehe nie ohne eines aus dem Haus. Sobald mir etwas durch den Kopf geht, schreibe ich eine Notiz dazu. Das hilft mir, es im Gehirn besser abzuspeichern. Außerdem sichere ich mich so ab, in »ideenarmen« Zeiten – die ich bislang glücklicherweise noch nie hatte, aber man weiß ja nie – immer auf etwas zurückgreifen zu können.


Histo Journal: Werden wir Selma durch die »Goldenen Zwanziger Jahre« begleiten?


HR: Selma wird in den beiden folgenden Romanen sicher kurz durchs Bild huschen, aber es werden, wie gesagt, andere Figuren mit anderen Geschichten im Zentrum stehen.


Histo Journal: Welche Stadt wird in »Tanz des Vergessens« im Vordergrund stehen? 


HR: Im »Tanz des Vergessens« nimmt München und Umgebung den Großteil des Romangeschehens ein. Es beginnt mit der blutigen Niederschlagung der Räterepublik im Mai 1919, die vielen kurz nach Kriegsende von neuem alle Träume und Zukunftspläne zerstört hat. Danach werden die Zeiten in München rauer, eine extreme Angst vor allem Revolutionären, Roten breitet sich aus, die von bestimmten Kreisen natürlich auch kräftig geschürt wird, um daraus Kapital zu schlagen. Hitler und seine brauen Schergen gewinnen an Unterstützung und Einfluss. Vor allem viele Künstler suchen einen Ausweg im Weggang nach Berlin, das seine große Zeit ab Mitte der 20er Jahre erlebt….. 


Histo Journal: Klingt sowohl spannend als auch bedrohlich. Als Autorin bist du allmächtig – welches Schicksal hältst du für deine Figuren bereit? 


HR: Die Allmacht der Autorin lastet oft schwer auf mir – das Schicksal, das ich meinen Figuren bereite, beschäftigt mich sehr, weil es oft die Umstände sind, die zu diesen Schicksalen führen. Irgendwann verselbständigt sich eine Geschichte. Aufgrund der Figurencharakteristik und -konstellation sowie des historischen Hintergrunds ergeben sich bestimmte Entwicklungen, die so vorher nicht absehbar oder in ihren Konsequenzen im vollen Ausmaß nicht zu kalkulieren waren. Das lässt mich nie kalt. Gelegentlich träume ich nachts sogar von meinen Figuren. Mein größter Alptraum ist, dass mich eines Tages all diejenigen Figuren, die es in meinen Romanen – mal ganz vorsichtig ausgedrückt – nicht so sonderlich glücklich erwischt haben, unbarmherzig zur Rede stellen werden. Dann bleibt mir nur, auf Gnade zu hoffen.


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