Evelyn Barenbrügge über die Assimilationspolitik der österreichischen Herrscherin Maria Theresia

In diesem Gastbeitrag erinnert die Autorin Evelyn Barenbrügge an die Geschichte jener Sinti und Roma, die unter der Assimilationspolitik der damaligen österreichischen Herrscherin Maria Theresia zu leiden hatten.

Gastbeitrag von Evelyn Barenbrügge

In meinem ersten Roman »Leeres Versprechen« habe ich mich intensiv mit dem Thema Österreich/Ungarn/Siebenbürgen und Maria Theresia beschäftigt. Schon in diesem Buch lagen mir die Belange der einfachen Menschen näher als die der Regierenden und des Adels. Bereits da habe ich über die Methoden der österreichischen Regentin gestaunt. Sie lockte, nach Kaiser Karl VI., ihrem Vater und vor Kaiser Franz Joseph II., ihrem Sohn, im zweiten Schwabenzug etwa 50.000 Siedler aufgrund ihres Versprechens nach Österreich. Bei der Recherche für Tayfun stieß ich auf die ungeheuerlichen Verordnungen der Herrscherin gegen die Zigeuner in ihrem Reich. Im Zeitalter der Aufklärung wollte sie die Wanderschaft dieser Volksgruppe unterbinden und sie in ihrem Reich sesshaft machen. Bei genauer Betrachtung könnte ihr aber genauso gut die Ausrottung dieser ethnischen Gruppe unterstellt werden. Für mich waren diese Verordnungen gegen Menschen, die keine Lobby hatten, die von allen Herrschern aus ihrem Land verbannt wurden, ungeheuerlich, sodass ich eine Geschichte mit fiktiven Personen darum herum webte.

Die Zigeuner, oder Sinti und Roma, wie sie heute genannt werden, sind eine Volksgruppe, die nach ihrer eigenen Aussage unfreiwillig nach Europa kam. Sie wurden als Sklaven verschleppt, dienten in kriegerischen Auseinandersetzungen als Kanonenfutter und wurden vornehmlich auf dem Balkan als Arbeitskräfte an Großgrundbesitzer und Adelige verkauft. Viele flohen aus dieser Knechtschaft und zogen übers Land, doch niemand wollte sie dulden, überall wurden sie verjagt. Sie durften nichts verkaufen und auch den Erwerb von Waren verweigerten die Menschen ihnen, aus Angst, selbst nicht genug zu haben oder bestohlen zu werden. Wozu die Zigeuner schließlich aus der Not heraus gezwungen waren, um ihr Überleben zu sichern.

»Wer mutig genug war, hat sich diesen Gesetzen nicht gebeugt, hat sich zum Überleben seinen eigenen Weg gesucht, hat es auf sich genommen, das Land zu verlassen.«

Im Jahr 1758 griff Maria Theresia Maßnahmen auf, die bereits im 17. Jahrhundert in Spanien angewandt worden waren, und die darauf abzielten, die hin und herziehenden Zigeuner in ihrem Land unter Kontrolle zu halten. Sie zwang die Zigeuner mit der ersten Verordnung, sesshaft zu werden. Sie ließ ihnen Pferde und Kutschen wegnehmen und wies ihnen einen festen Lagerplatz zu, an dem sie sich einrichten mussten. Meist in unwirtlichen Gegenden außerhalb der Städte. Dort waren sie zu einem kärglichen Dasein verdammt. Auch wenn ihnen Land und Saatgut zur Verfügung gestellt wurde, waren die Zigeuner gewiefte Pferdehändler, geschickte Handwerker und leidenschaftliche Musikanten, aber keine Bauern. Sippen, die sich dem Zugriff entziehen konnten lebten als Vogelfreie verborgen in den Wäldern. Die Regentin wollte mit diesem Zwang die kulturelle Identität der Zigeuner zerstören. Sie sollten zur bäuerlichen Lebensform gezwungen werden oder ein gängiges Handwerk erlernen und damit in die Gesellschaft eingegliedert werden. Maria Theresia strebte nach der vollkommenen Kontrolle über ihre Untertanen. Sie sah die Umerziehung der Zigeuner zu guten Christenmenschen als eine ehrenvolle Aufgabe an.
Dieser Volksgruppe 1761 obendrein noch einen anderen Namen zu geben, sie Neuungarn, Neusiedler oder Neubauern zu nennen, sollte ein weiterer Schritt im Integrationsprozess sein. Außerdem sollten die Zigeunerjungen ein Handwerk erlernen und ab dem 16. Lebensjahr zum Militärdienst eingezogen werden. Ein willkommenes Kanonenfutter in ihren unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen.
Ein uraltes verbrieftes Recht, in dem die Zigeuner durch einen Woiwoden ihre eigene Rechtsprechung praktizierten, wurde ihnen 1767 aberkannt. Maria Theresia unterstellte sie den örtlichen Gerichten. Gleichzeitig mussten sie sich registrieren lassen. Ein guter Anlass für die Regentin, einen genauen Überblick über ihre Neuungarn zu bekommen.

Bilder:

Die Bilder ›Rastende Zigeuner‹ und ›Lagernde Zigeuner‹ {1856} stammen von dem Österreichischen Maler Alois Schönn {oben/unten links}.

Das Bild {rechts oben} zeigt Kaiserin Maria Theresia im Kreise ihrer Familie, gemalt von Marin van Meytens um 1754.

Das untere Bild von Joseph II.malte Anton von Maron um 1775.

Doch die Einschnitte in das Leben der Zigeuner waren ihr noch nicht ausreichend genug, sie wollte die Sippen spalten. Das konnte ihr nur gelingen, indem sie den Zigeunern 1773 verbot, untereinander zu heiraten. Damit griff sie tief in die Traditionen der Menschen ein. Lebten die Zigeuner unter sich, sollten sie nun Fremde in ihren Reihen dulden oder sich Fremden anvertrauen. Das entsprach weder ihrer Lebensweise, noch ihrer Tradition. Doch die Kaiserin lockte mit staatlichen Zuschüssen, setzte aber eine anständige Lebensweise und die Kenntnis der katholischen Glaubenslehre voraus, die natürlich nachgewiesen werden musste. Selbst wenn es hie und da eine Liebesgeschichte gab, waren es wohl eher wirtschaftliche Zwänge, die dazu führten, dass diese strengen Maßnahmen Wirkung zeigten. Das ist noch heute an vielen Menschen, beispielsweise aus dem Burgenland, zu erkennen, die ihre Wurzeln bei den Zigeunern haben.
Das größte Elend brachte die österreichische Herrscherin jedoch über die Zigeunerfamilien, als sie verfügte, dass ihnen alle Kinder im Alter von fünf Jahren weggenommen und gegen Bezahlung in weit entfernte ungarische Pflegefamilien gegeben wurden. Zwar wurde es nie schriftlich festgehalten, doch jeder kann den großen Schmerz der Eltern nachvollziehen und der Gedanke, dass Eltern versuchten, ihre Kinder aufzuspüren und zu stehlen ist ebenso naheliegend, wie der, dass die Kinder aus den Pflegefamilien wegliefen und sich auf der Suche nach ihren Eltern allein durchs Leben schlugen. Wer mutig genug war, hat sich diesen Gesetzen nicht gebeugt, hat sich zum Überleben seinen eigenen Weg gesucht, hat es auf sich genommen, das Land zu verlassen.
Selbst eine Auswanderung nach Amerika ist nicht abwegig, denn dorthin trieb es viele Zigeuner, die auf dem neuen Kontinent oft durch Heirat einen anderen Namen annahmen und deren Nachfahren heute nach ihren Wurzeln in Europa suchen.
Tayfun ist eine fiktive Geschichte vom Leben eines Zigeunerjungen, dessen Eltern diese Gesetze zu spüren bekamen. Auch wenn die Handlung frei erfunden ist, so sind die Wege von Tayfun, sein Handeln und das der anderen Figuren im Roman durchaus denkbar.

Tayfun

»Tayfun«
Evelyn Barenbrügge

Der junge Leandro Lovare wächst vor dem Zugriff der Obrigkeit verborgen unter dem Schutz seiner Urgroßmutter in einer Höhle im Bihorgebirge auf. Sie pflanzt die Traditionen und den Freiheitsgedanken tief in sein Zigeunerherz. Nach ihrem Tod begibt er sich auf die Suche nach seiner Familie, kämpft mit aufständischen Rebellen Seite an Seite in Siebenbürgen. Die Hinrichtung seines väterlichen Freundes und Rädelsführers Horea lässt ihn verstummen. Soldaten Maria Theresias ergreifen ihn und nennen ihn aufgrund seiner Schnelligkeit Tayfun. Seine Freiheit ist ihm wichtiger als ein behütetes Leben in einem Waisenhaus, er flieht und gerät in Wien in die Fänge des ehemaligen Soldaten Tom Held, der Straßenkinder zu Taschendieben ausbildet. Tayfun wird zu einem wichtigen Vertrauten des Königs der Diebe und verliebt sich unsterblich in das Zigeunermädchen Nura, eine Verbindung, die streng verboten ist. Eines Tages erschüttert ein Mord die Kaiserstadt.

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