Der nasse Fisch von Arne Jysch – Comic

Histo Journal Besprechung: Histo Journal Buchbesprechung: Der nasse Fisch – Graphic Novel von Arne Jysch

Gelesen & Notiert von Alessa Schmelzer

cover der nasse fisch comic

Inhalt
»Der nasse Fisch« war der erste von inzwischen 6 Romanen um den fiktiven Kriminalkommissar Gereon Rath. Arne Jysch {»Wave and Smile«} setzt nicht nur einen spannenden, erfolgreichen Krimi um, sondern zeichnet im wahrsten Sinne des Wortes ein genaues Bild des Berlins der Zwanzigerjahre, des Glamours und der Modernität der Frauen, der Armut und politische Spannungen in der Weimarer Republik und nicht zuletzt der Kriminalität und der Entwicklung der modernen Polizeiarbeit. Für letzteres war in der Realität wie im Roman der legendäre Ernst Gennat, genannt Buddha, verantwortlich. Jysch recherchiert wie immer sehr genau und konnte dabei auch auf das Material und die Kontakte des Autors Volker Kutscher zurückgreifen.

Arne Jysch, Volker Kutscher
Hardcover, gebunden
216 Seiten
Preis 17,99 Euro
ISBN: 978-3-551-78248-9

Eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Carlsen Verlages.

Rückblick

Vor mittlerweile zehn Jahren erschien Volker Kutschers historischer Kriminalroman »Der nasse Fisch« im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Hauptfigur ist der eigenwillige Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der ausgehenden Weimarer Republik ermittelt. Raths erster Fall bildete den Auftakt zu einer erfolgreichen Reihe. Mit »Lunapark« ist just der sechste Fall erschienen.
Arne Jysch ist Storyboardzeichner, Animator und Drehbuchautor. 2014 erschien im Carlsen Verlag seine Graphic Novel »Wave and Smile«, in dem er den deutschen Afghanistan-Einsatz in den Fokus rückte. Als er vor ein paar Jahren die Romane Kutschers entdeckte, wollte er sofort den ersten Band der Reihe für einen Comic zu adaptieren. Und Jysch hatte Glück. Kutscher gab sein Einverständnis – er selbst ist ein großer Comicfan – und ließ Jysch sogar komplett freie Hand, denn er bestand noch nicht einmal darauf das »Drehbuch« zum Comic selbst zu schreiben. Die Verantwortung des Projektes lag ganz bei Jysch. Vier Jahre hat er an der Adaption des Krimis gearbeitet, an einer stimmigen Reduzierung der Geschichte gefeilt, ohne den Plot zu sehr zu verändern. Er besuchte Originalschauplätze und prägte sich die Architektur ein, beschäftigte sich mit Modefragen und solchen des Interieurs. Auch der Polizeihistorischen Sammlung Berlin stattete er einen Besuch ab und nahm die Exponate aus jener Zeit genau unter die Lupe. Denn eines ist klar, wer eine Mauser glaubhaft zeichnen möchte, sollte schließlich wissen wie diese Waffe aussieht …

Ich-Erzähler und ›voice over‹

Die wohl wichtigste Änderung erschließt sich dem erfahrenen Kutscher Leser sofort: Im Comic ist Rath zum Erzähler der Story avanciert. Mit diesem stilistischen Kniff zieht Jysch den Leser nicht nur von der ersten Seite an in die Geschichte hinein. Der Wechsel der Erzählperspektive ermöglicht es ihm auch Rath als ›voice over‹ agieren zu lassen, um somit komplexere Abläufe der Geschichte kurz, aber treffend zu transportieren. Leser der Geschichte merken zudem recht schnell, dass Jysch ›von Haus aus‹ Storyboardzeichner ist: die Handlung ist deutlich gestrafft, die Szenen sind filmisch aufgebaut und gewinnen dadurch merklich an Schnelligkeit.
Besonders gelungen ist die schwarz/weiß Komposition der Novel. Scharf gezeichnete Konturen und präzise Schattierungen erzeugen mal eine lockere, dann wieder eine düstere oder gar bedrohliche Stimmung.

»… von der Mordkommission war ich so weit entfernt wie eine Ameise vom Mond.«

Rath könnte glücklich sein: Er ist in Berlin, dort wo der geniale Ernst Gennat – von allen respektvoll Buddha genannt und schon zu Lebzeiten eine Legende – die Mordkommission leitet. Nun, Rath ist nicht glücklich. Sein Abgang in Köln, er gehörte dort der Mordkommission an, war wenig glamourös. Zu viel Wirbel um seine Person hatte ein Fall ausgelöst, den die Presse genüsslich und nach Kräften ausschlachtete {ein Fall, der in auch in Berlin nicht loslässt und ihn nachts als Albtraum heimsucht}. Allein seinem einflussreichen Vater ist seine Versetzung nach Berlin zu verdanken. Allerdings war nur noch ein Posten bei der ›Sitte‹ für ihn frei, aber immerhin. Auch wenn die Zusammenarbeit mit seinem neuen Partner Bruno Walter, dem Leiter der Sitte, der von allen nur ›Onkel‹ genannt wird, vertraut Rath indes nicht absolut {»Ich konnte Bruno keinen Vorwurf machen, er hatte mich aus einer brenzligen Situation gerettet. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, gegen meinen Willen in die Sache hineingezogen worden zu sein.«}.

Rath ist also auf der Hut, stets freundlich, aber doch zurückhaltend. Und er gibt nicht auf, er rackert sich ab und hebt einen Pornoring aus. Als er zufällig einem Hinweis zum Fall ›Möckernbrücke‹ auf die Spur kommt scheint sein Traum von der Mordkommission in greifbarer Nähe zu sein, denn dieser Fall bereitet selbst dem so verehrten Buddha Probleme …
Jysch bannt die komplexe Geschichte präzise aufs Papier. Und so sind wir mit Rath mittendrin im Berlin der Goldenen Zwanziger, in Straßenkämpfen zum Blutmai, tauchen ab in die Berliner Unterwelt und erleben hautnah mit was politische Instabilität in jener Zeit bedeutet und mit den Menschen macht.

Buddha, Charly & Co.

Betrachtet man heute Fotos von Ernst Gennat, so fällt auf, dass Jysch den Kommissar erstaunlich gut getroffen hat: Stark übergewichtig, stets im Anzug mit Weste, das Doppelkinn auf dem abgewetzten, schlecht gebügelten Hemdkragen ruhend, eine stoische Ruhe ausstrahlend. Sein Leben, so erzählt uns Rath aus dem Off, hat dieser geniale Mann ganz seinem Beruf gewidmet … und natürlich dem Verzehr von Kuchen.
Aus dem ›Onkel‹ wird der Leser zunächst nicht ganz schlau. Er scheint ein Schlitzohr zu sein, einer, bei dem man aufpassen muss, was man sagt. Bruno genießt offenbar sein Leben als Leiter der ›Sitte‹. Sein Credo: »Wir treiben uns beruflich im Nachtleben der sündigsten Stadt der Welt herum, kommen gratis in die feinsten Etablissements …«. Kein Wunder, das ist Rath auf Dauer zu wenig.
Auch die amourösen Abenteuer Raths kommen nicht zu kurz. Ganz im Stile des ›ich bin ein einsamer Cowboy‹ lässt er {zunächst} nichts anbrennen. Die Stenotypistin Charlie auf dem Kommissariat hat es ihm besonders angetan. Diese Frau hat ihren eigenen Willen und entspricht dem, was man in den Zwanzigern die ›neue Frau‹ nennt. Selbstbewusstes Auftreten, tadellose Kleidung und der für diese Zeit bekannte Kurzhaarschnitt, dem sich eine moderne Frau nicht verschließen kann. Charly stammt aus dem Bürgertum, studiert Jura und arbeitet nebenher und nur zum Übergang als Stenotypistin. Danach – das ist ihr Plan – will sie als Kommissarin arbeiten. Und ofensichtlich hat sie Gennat auf ihrer Seite.
Jysch folgt hier zwar im Großen und Ganzen der Vorlage Kutschers, was wohltuend ist – denkt man an die aktuelle ›Berlin Babylon‹ Verfilmung, deren Drehbuchschreiber die Figur der Charly kurzerhand in eine sozial schwache Gesellschaftsschicht steckten, weshalb sie sich als Prostituierte verdingen muss, damit die Familie nicht hungert. Dieses verzerrte Abbild Charlys {ganz ehrlich – ist den Machern nichts Besseres eingefallen als das Wiederkäuen der immer gleichen Klischees?} bleibt Lesern der Novel glücklicherweise erspart. Hier darf Charly {deren Jurastudium bedauerlicherweise nicht angesprochen wird} den neuen Typus Frau darstellen, ganz ohne peinliches Abrutschen ins Rotlichtmilieu. Hier verkörpert sie sozusagen den freien Geist jener modernen Frau, der just in dieser Zeit aufkam und deren Entwicklung erst von den Nazis gestoppt worden ist …

 

Extras

Hochwertig kommt die Graphic Novel daher. Fester Einband, gebunden. Der Vorsatz sorgt übrigens für den einzigen Farbtupfer, denn für ihn wählte man einen wunderbaren Resedagrün aus. Im hinteren Teil gibt es noch den Dank des Zeichners und Autors sowie eine unvollständige Liste jener Literatur, die Jysch zu Recherchezwecken verwendet hat. Der Leser bekommt hier einen etwaigen Eindruck davon, wie viel Jysch gerade zur visuellen Vorbereitung hat untersuchen müssen.

Fazit

»Ein nasser Fisch« ist eine elegante und kunstvoll arrangierte Graphic Novel, deren Handlung zwar in vielfacher Hinsicht vom Original abweicht, aber genau darin ihre enorme Stärke entwickelt. Spannend bis zur letzten {Comic-}Seite.
Für Kutscher Fans ist der Comic ein Muss.
Fesselndes Lesevergnügen!