Histo Journal Cinema: Amour Fou

Ein Handlungsreisender in Sachen Selbstmord

Im Jahr 1811 tötet der Dichter Heinrich von Kleist an den Ufern eines Sees bei Berlin erst seine Geliebte Henriette Vogel und dann sich selbst mit Pistolenschüssen. Der Film wirft einen Blick auf die Monate, die diesem Ereignis voraus gegangen sind.

Filmstart: »Amour Fou«

Gesehen & Notiert von Tanja Schurkus

© Neue Visionen
Filmverleih

Titel des Films: Amour Fou A/D/Lux 2014
Regie: Jessica Hausner
Darsteller: Christian Friedel, Birte Schnöink
Länge: 96 Min

Amour Fou« ist kein Film für Leute, die pralle historische Sittengemälde mögen und große Gefühle vor historischer Kulisse suchen. Es ist ein Film mit Hintertüren – die Tapetentür im Salon der Vogels steht sinnbildlich dafür und als Zuschauer möchte man seiner Neugier nachgehen und sie sofort öffnen. Was befindet sich dahinter? Der Film wird es mit dem ihm eignen Augenzwinkern verraten.

Zunächst erleben wir Salonabende – oder erleiden wir sie? Ein statisch inszeniertes Ensemble lauscht Kunstliedern, mal mehr, mal weniger gekonnt vorgetragen. Die schöne Monotonie des gehobenen Bürgertums oder des kleinen Adels lässt den Zuschauer – vorschnell – zu dem Schluss kommen: Da verwundern Selbstmordgedanken nicht.

Aber Kleist ist nicht der leidenschaftliche Rebell, der sich gegen die Konventionen auflehnt. Er ist ein Stutzer, der mit seinem Wunsch nach einem gemeinschaftlichen Selbstmord inmitten von Teetassen und Kuchenstückchen hausieren geht, wie ein Handelsvertreter aus einem Loriot-Sketch: Wortreich bis an die Grenze zur Karikatur. Christian Friedel spielt den Dichter dabei gekonnt mit einer Mischung aus Unschuld, Unbeholfenheit und Borniertheit. Seine Cousine Marie kann Kleist damit nicht für sein Vorhaben gewinnen. Ja, die Welt sei durchaus furchtbar, lässt sie ihn wissen, aber deswegen müsse man sich ja nicht gleich so hängen lassen.

Henriette

In den Salons der Romantik: Die junge Henriette {Birte Schnöink} fühlt eine ähnliche Einsamkeit wie der Dichter. © Neue Visionen Filmverleih

Der Pakt

Ein gemeinsamer Pakt: Dichter Heinrich von Kleist {Christian Friedel} und Henriette Vogel {Birte Schnöink} kommen sich näher. © Neue Visionen Filmverleih

Einsam

Zu zweit, aber nicht zusammen: Heinrich {Christian Friedel} greift zur Pistole. © Neue Visionen Filmverleih

Auch Henriette Vogel teilt ihm in aller Höflichkeit mit, dass sie mit ihrem Leben ganz zufrieden sei, habe sie doch einen Mann, der sie liebt und die Tochter Pauline. Für diese beiden da zu sein, mache sie rundum zufrieden. Doch Kleist bedrängt sie mit existentiellen Fragen, wiederum nicht mit Pathos oder großer Geste, eher so als würde er aus einer Bedienungsanleitung vorlesen, die er ungezählte Male studiert hat, ohne heraus finden zu können, worin denn nun der Fehler liegt.

Leben – keiner weiß, wie das geht

Sich über die Steuern beklagen und an Sonnentagen Ausflüge machen – ist das leben? Mit solchen Szenen macht der Film deutlich, dass er kein historisches Drama ist, sondern sich der Unfähigkeit des Menschen zum Glück widmet. So kränkelt auch Henriette bald. Als man bei ihr eine Unterleibsgeschwulst vermutet, ist sie dazu bereit, sich von Kleist töten zu lassen. Doch der will nun nicht mehr: Um seinetwillen soll sie sterben, nicht um dem Siechtum zu entgehen. Dieser Kleist taugt nicht zur Identifikationsfigur, mag er als Dichter seiner Gesellschaft auch den Spiegel vorhalten: Seine Schwermut scheint in seiner Arroganz zu wurzeln. Henriette hat auch eher unser Mitgefühl als unsere Bewunderung: Es scheint nicht wie ein Akt leidenschaftlicher Liebe sondern wie ein weiterer Akt des Gehorsams, dass sie schließlich den gemeinsamen Tod sucht, auch wenn es inzwischen Zweifel daran gibt, dass sie sterbenskrank ist. Sie hätte leben können – das genügt Kleist, um sie als Begleiterin in den Tod für würdig zu befinden.

Für den unbeholfenen Weg in den gemeinsamen Tod nimmt sich der Film Zeit: Da wird wird am Vorabend noch pflichtschuldig ein Bekenntnis zur Liebe gegeben, dann wird durch den winterlichen Wald gestolpert und Kleist ist mit den Funktionen seiner Pistole überfordert – Selbstmord nicht als Fanal sondern eher wie eine Leergutrückgabe.

Hunde auf Auslegeware

Am Schluss wird wieder gesungen: Henriettes Tochter singt unbeholfen dasselbe Lied, das ihre Mutter oft intonierte, über Todessehnsucht und Hoffnungen. Der Film verzichtet ansonsten auf Filmmusik und ist auch im übrigen puristisch im Einsatz von filmischen Mitteln, so gibt es etwa keine Kamera-Fahrten oder Schwenks, nicht immer ist der Mittelpunkt der Handlung auch Mittelpunkt im Bild. Die Regisseurin Jessica Hausner hat auch in Filmen wie »Hotel« gezeigt, dass die weitgehend bewegungslose Stille eine besondere Beklemmung entfalten kann. Im Zeitalter der schnellen Reize ist allein der Anblick tableauhaft inszenierter Abendgesellschaften eine Herausforderung.
Wenn die Schauspieler sich bewegen, geschieht es mit einem Gestus der Unbeholfenheit, am augenfälligsten in der Person des Dienstmädchens, das eben darum nicht im Hintergrund verschwindet, sondern am sichtbarsten für die Frage steht: Wie mache ich es denn nun richtig?

Wie kleine Anarchisten erscheinen dagegen die Hunde: Der Jagdhund, der bei Tisch vom Teller zu stehlen versucht, die kleine Bulldogge, die im Adelssalon zum Spielen auffordert und dafür extra bildlich in einem Spiegel eingefangen wird. Der Film erlaubt sich auch in der Ausstattung kleine ironische Details, z.T. durch Anachronismen {Flokati-Wolldecken, Art-Deko-Möbel, Auslegeware im Salon, Gaszylinder-Lampen}. Die geheimnisvolle Tapetentür gehört ebenfalls dazu. Und was befindet sich nun dahinter? – keine Geheimgänge, nur ein Wäscheschrank mit sorgfältig gefalteter Tischwäsche und damit steht er sinnbildlich für eine Gesellschaft, die nicht ihr Verborgenes, ihre Abgründe fürchtet, sondern ihre Banalität. Und das gilt sicher nicht nur für eine Gesellschaft von 1811.

Fazit

Ein Anti-Romanze, die weniger durch ihre Story als durch ihre Inszenierung fesselt; wohltuend anders, als man es vielfach beim Umgang mit historischen Stoffen gewöhnt ist, für Historien-Fans daher aber nur bedingt geeignet.

Histo Journal Filmsterne: 4 von 5