Dalton Trumbo – Spartacus

Nennt mich Spartacus!

Ein Buch, ein Film und viele {Schnitt-} leichen

Teil 1

Filmspecial von Tanja Schurkus

Filmplakat Spartacus, 1960

Ein Mann sitzt in einer Badewanne, schreibt unablässig, raucht unablässig {bis zu sechs Päckchen am Tag} – mit dem, was er schreibt, will er sich zur Wehr setzen und er will es einem System heimzahlen, das ihn für 11 Monate ins Gefängnis geschickt hat, vor dem er vorüber gehend aus den USA nach Mexiko fliehen musste. Er war einmal ein Hollywood-Goldjunge gewesen, einer der gefragtesten Drehbuchautoren in den 40er Jahren, alle großen Studios wollten mit ihm arbeiten. 1947 aber kommt sein Name auf die gefürchtete Schwarze Liste: Arbeitsverbot in der Filmbranche. Und dennoch schreibt er ein Drehbuch über eine historische Legende, für einen Film, der legendär werden sollte: Spartacus.

Seine besondere Stellung in der Filmgeschichte hat Spartacus seiner turbulenten Entstehungsgeschichte zu verdanken, aber auch den vielen bedeutenden Namen, die damit verbunden sind: Kirk Douglas {Hauptdarsteller und ausführender Produzent}, Stanley Kubrick {Regisseur}, Laurence Olivier, Peter Ustinov, Tony Curtis – und Dalton Trumbo, der Drehbuchautor von der Schwarzen Liste. Sein Drehbuch sollte Zeugnis ablegen für seine kommunistischen Ansichten, es sollte aufrütteln und dem Wunsch der Menschen nach Freiheit ein Denkmal setzen. Heraus kam ein Film, der dramaturgische Längen hat, dessen größte schauspielerische Momente heraus geschnitten wurden und in dem am Ende nur die Aussicht auf das kleine private Glück Hoffnung schürt, wenn die Ehefrau des gekreuzigten Spartacus mit dem gemeinsamen Sohn aus Rom flieht.

Was war passiert? Die 50er Jahre waren passiert mit ihrer Kommunistenhatz auf der einen Seite und der Sehnsucht nach bürgerlicher Idylle auf der anderen Seite. Aber was dem Film zum Verhängnis wurde, waren auch die ausgeprägten künstlerischen Visionen seiner Macher. Spartacus erzählt damit auch eine Geschichte über die Mittel der Kunst und den kommerziellen Druck, über politische Botschaften und persönliche Egos – eine {nicht nur} typische Hollywood-Geschichte. Da verwundert es nicht, dass nun ein Film über Trumbo selbst in die Kinos kommt.

Grund genug, einen Blick auf den bekanntesten historischen Film zu werfen, zu dem er das Drehbuch schrieb.

»Mir wird allmählich deutlich, warum die Leute glauben, Hollywood korrumpiere die Autoren. Aber sie irren sich. Hollywood gibt ihnen nur genug Geld, sodass sie heiraten und Kinder haben können, wie alle anderen Leute. Und dieses Heiraten und Kinder haben ist das, was sie korrumpiert.«
Dalton Trumbo

Spartacus und seine Schriftsteller

Bei mehr als 30 antiken Autoren finden sich Hinweise auf den historischen Spartacus, so z.B. bei Plutarch und Appian. Im Kern berichten sie alle die gleiche Geschichte: Spartacus war ein Sklave, der zum Gladiator ausgebildet worden war und mit mehreren anderen Sklaven um 70 vor Christus aus der Gladiatorenschule floh. Ihnen schlossen sich bald weitere an, sodass Rom Truppen gegen sie schickte. Alle Quellen betonen das Geschick des Spartacus als Feldherr – er besiegte seine Gegner immer wieder. Das Sklavenheer versuchte sich aus Italien auszuschiffen, wurde aber von den angeheuerten Piraten betrogen. In einer letzten Schlacht wurden sie von den Armeen des Crassus und Pompeius geschlagen. Spartacus fiel in der Schlacht, tausende Überlebende wurden gekreuzigt.
Der Aufstand des Spartacus war weder der erste noch der letzte Sklavenaufstand in der römischen Geschichte, was aber schon auf die Geschichtsschreiber der damaligen Zeit Eindruck machte, war das große militärische Talent eines Sklaven und der Umstand, dass Rom seinem Untergang nie zuvor so nahe gekommen war. Es waren eben nicht die Heere der Barbaren, die den Legionen Niederlagen beibrachten: Es waren die Hausburschen, Dienstmädchen, Küchenjungen, Hauslehrer. Das erschütterte das Weltbild Roms, nach dem es natürliche Überlegenheit mit sich brachte, römischer Bürger zu sein.

Mit dem Aufkommen des Kommunismus im 19. Jahrhundert wurde Spartacus zu der Symbolfigur des Aufstands der unterdrückten Massen {u.a. wurden zahlreiche Arbeiterbünde nach ihm benannt}. Als solchen sah ihn auch der amerikanische Autor Howard Melvin Fast {1914-2003}, der 1952 seinen Roman Spartacus veröffentlichte. In seinen insgesamt 80 Büchern beschäftigte er sich immer wieder mit historischen Themen, dabei ging es ihm jedoch nicht um das Detail getreue Nacherzählen historischer Fakten. Er schrieb immer auch Bekenntnis- und Protestliteratur, Literatur, die sich gegen die Unterdrückung von Minderheiten wandte, aber auch für das Sowjetsystem werben sollte. Erst 1957, nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands, sollte sich Fast von der KP enttäuscht distanzieren.
Spartacus, seinen Roman gegen Knechtschaft und Unterdrückung, musste er im Eigenverlag veröffentlichen. Der Sohn jüdischer Einwanderer war ebenfalls auf die gefürchtete Schwarze Liste gesetzt worden, weil er eingetragenes Mitglied der KP war. Infolge dessen wurden seine Bücher in den USA aus den Bibliotheken entfernt und kein Verlag druckte seine Texte. Seine Weigerung, vor dem McCarthy-Ausschuss gegen unamerikanische Aktivitäten auszusagen, brachte ihm außerdem eine Gefängnisstrafe ein. Ein Schicksal, dass er mit Dalton Trumbo teilte.

Spartacus und sein Drehbuchautor

Trumbo erzählte gelegentlich die Anekdote über seine erste »politische Aktivität«: Als Kind bat er seinen Vater um fünf Dollar, um dem Ku Klux Clan beitreten zu können. Ihn faszinierte die große Organisation, allein weil sie groß und organisiert war. Der Vater verweigerte ihm das Geld, und Trumbos spätere Überzeugungen sollten sich deutlich von der rassistischen Bruderschaft unterscheiden: Ihm ging es um die Rechte der Unterdrückten, um den Kampf gegen strukturelle Ungleichheit.
Als Student an der ›University of Southern California‹ entdeckte er seine Begeisterung fürs Schreiben, aber er musste das Studium ohne Abschluss abbrechen, da sein Vater 1926 starb und er als Ernährer für die Familie einspringen musste. Er übernahm die Nachtschicht in einer Großbäckerei, schrieb aber nebenbei weiter und veröffentlichte 1936 seinen ersten Roman »Eclipse«. Mit Beiträgen für den Hollywood Spectator machte er die Filmbranche auf sich aufmerksam und brachte bald schon für Warner Bros. Romane in Drehbuchform. In Cleo Fincher traf er seine große Liebe, sie hatten gemeinsam drei Kinder. 1940 gewann er seinen ersten Drehbuch-Oscar und gehörte damit in die erste Reihe der Hollywood-Autoren.

In einem Drehbuch wäre klar: Jetzt kann nur noch die Krise folgen. Ausgelöst wurde sie vor allem durch die weltpolitische Lage. Wie bei vielen Intellektuellen hatte sich Trumbos politisches Bewusstsein durch den spanischen Bürgerkrieg geschärft. Er bezog Position gegen den Faschismus und den Krieg mit dem Roman »Johnny Got His Gun« {für den er den American Bookseller Award erhielt. Er unterstützte die amerikanische »Nicht-Einmischungspolitik« aus einem kommunistischen Verständnis heraus: In jedem Konflikt ging es nur um die Interessen herrschender Klassen, für die das Volk zu sterben hatte.

Trumbo und seine Frau Cleo
bei einer HUAC-Anhörung {1947}

Mit dem Angriff Nazi-Deutschlands auf Russland und vor allem mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour änderte sich seine Einstellung: Er ließ alle Kopien des Buches zurück rufen und wurde 1943 Mitglied der amerikanischen kommunistischen Partei. Das machte ihn zum Verdächtigen, als die Allianz zwischen den USA und der UdSSR nach 1945 in gegnerische Lager zerfiel. Man argwöhnte kommunistische Propaganda in seinen Drehbüchern und bestellte ihn 1947 vor das House Commitee for Un-American Activities {HCUA}, zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung des Senators McCarthy. Trumbo weigerte sich aber unter Berufung auf den 1. Verfassungszusatz Fragen zu beantworten, die sich auf seine politische Überzeugung bezogen oder auf die anderer Filmschaffenden. Wie er verweigerten neun weitere die Aussage. Die »Hollywood 10« wurden zu Geld- und Haftstrafen verurteilt, Trumbo musste 10 Monate absitzen und wich weiterer Verfolgung zunächst nach Mexiko aus. Was fast noch schwerer wog, war das Arbeitsverbot, dass das Komitee durchsetzte: Trumbo kam auf eine Schwarze Liste, kein Hollywood-Studio durfte ihm mehr Arbeit geben … Mehr lesen Sie am 22. März in Teil 2.