Mein Herz ist ein rauchender Colt – Das Leben der Calamity Jane

Sundown im Wilden Westen

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz

Buchbesprechung: »Mein Herz ist ein rauchender Colt – Das Leben der Calamity Jane«


Die Black Hills 1905 – eine angehende junge Dame reist nach Deadwood, um der berühmtesten Frau des Wilden Westens gegenüberzutreten und ein Buch über deren abenteuerliches Leben zu schreiben. Calamity Jane ist eine bekannte Revolverheldin und Abenteurerin, um die sich viele Gerüchte und Legenden ranken. In unzähligen Büchern, Zeitungsberichten und Groschenromanen lassen sich Geschichten über sie finden. Doch wer steckt hinter diesem Namen? Wer ist diese Frau wirklich, die Männerkleidung trägt, Reiten und Schießen kann wie ein Mann und behauptet, die Witwe von Wild Bill Hickok zu sein? Welche dramatische Vorgeschichte stellte für ein junges Mädchen die Weichen so, dass sie ein außergewöhnliches Leben, inmitten einer von harten Männern dominierten Welt des Wilden Westens wählte? Die junge Elizabeth begegnet Calamity Jane am Ende ihres bewegten Lebens. Sie hört die wahre Geschichte, welche sich hinter der Legende von Calamity Jane verbirgt und kommt dabei einem wohl gehüteten Geheimnis auf die Spur, das sogar ihr eigenes Leben in große Gefahr bringt.
{Klappentext des Buches}

Es soll das Jahr 1905 sein, als sich Elizabeth Burden in den Westen aufmacht. Das behütete Mädchen aus gutem Hause will ihrem wohlhabenden, aber an seiner Tochter eher uninteressierten Vater entfliehen. Sie will sich und der Welt beweisen, was alles in einer Frau steckt. Aber es ist nicht nur Eigennutz, der Elizabeth in den zu dieser Zeit zwar nicht mehr ganz so wilden, aber dennoch nicht ungefährlichen Westen reisen lässt. Ihr Ziel ist die legendäre Calamity Jane, von der zahllose phantastische Geschichten kursieren. Elizabeth nun will endlich die einzig wahre Lebensgeschichte erzählen. Letztlich soll das fertige Buch auch einem guten Zweck dienen und der inzwischen völlig verarmten Calamity Jane den Lebensunterhalt sichern. Und dem Leser will – oder soll? – es so scheinen, als hielte er just dieses Buch in Händen.

Calamity Jane – die Legende

Elizabeth reist nach Deadwood und findet die Gesuchte. Die Enttäuschung ist groß, denn es ist nicht die Legende, sondern ein menschliches Wrack, das Elizabeth in dem abgelegenen Nest im ehemals Wilden Westen antrifft. Verarmt, dem Alkohol verfallen, fast blind vom Fusel lässt Martha Jane Canary, wie Calamity Jane mit bürgerlichem Namen heißt, dennoch ein wenig von ihrem einstigen Charisma erahnen.

Calamity Jane

Bereitwillig erzählt sie Elizabeth ihre Lebensgeschichte. Schon von Kindesbeinen an auf sich selbst gestellt, als Versorgerin ihrer kleinen Geschwister, muss Martha sich in einer von Gewalt und Ausbeutung geprägten Welt behaupten. Kaum der Kindheit entwachsen hat Martha bereits gelernt, dass Prostitution ein probates Mittel ist, dem Verhungern zu entrinnen. Früh heiratet sie, nur um unter dem Joch der Ehe auch noch der häuslichen Gewalt hilflos ausgesetzt zu sein.
Von der Legende, wie sie Calamity Jane in Westernfilmen lange anhaftete, ist in diesem Büchlein kaum eine Spur. Nein, es ist keine Western-Heldin, die wir kennenlernen, es ist eine tragische Figur in einer ebenso tragischen Geschichte, in der Martha sich zunächst noch den Erwartungen der Gesellschaft widersetzt. Sie zieht sich Hosen an, lernt zu Schießen und beginnt, sich in der Männerwelt einen Platz zu erobern. Sie raucht, säuft, spielt und flucht wie ein Kerl. Diese Lebensweise geziemt sich sogar im Wilden Westen nicht für eine Frau. Sie erregt entsprechendes Aufsehen, Zeitungsartikel erscheinen über sie, eine Groschenroman-Serie, und jeder Artikel, jeder Roman schmückt ihr ohnehin phantastisches Abenteuerleben immer mehr aus . Martha widerspricht diesen Geschichten nie, im Gegenteil, sie verkauft die Artikel und Fotos, die ihre Legende nähren, eine Legende, die die Leute bereitwillig glauben. Die Folgen ihrer unsteten Lebensweise hinterlassen bald deutliche Spuren. Schon in jungen Jahren verfällt sie dem Alkohol und der Fluch des Fusels kostet sie – wie so viele andere auch – das Augenlicht.

Wild Bill Hickok

In diesem Buch begegnen dem Leser auch die großen Namen des Wilden Westens: Wild Bill Hickok, vielleicht ihre großen Liebe, der Calamity Jane – so berichtet es Elizabeth Burden – ihren Namen verlieh. Die Männer geraten durch sie stets in Schwierigkeiten, sagt er. Oder Buffalo Bill, in dessen Wild West Show sie kurzzeitig auftrat.

Buffalo Bill
Ihr großes Herz lässt sie sich für die Armen, Kranken und Schwachen einsetzen. Doch niemand scheint es ihr zu danken. Offen bleibt, ob Wild Bill Hickok, ihr zeitweiliger Begleiter, tatsächlich der Vater ihres Kindes ist, ja, ob es überhaupt je eine nähere Beziehung zwischen diesem historischen Paar gegeben hat. Calamity Jane scheint am Ende Realität und Traum zu vermischen. Sie lebt immer am Rande des Abgrunds. Verdient sie Geld, ist es rasch verspielt oder vertrunken, ihr Jähzorn führt zu Streit mit Vorgesetzten und verhindert stets eine langfristige Anstellung. Der Goldrausch kommt und geht vorüber, ohne dass Martha – oder Jane – etwas Bleibendes davon gehabt hätte.

Geschichte des Wilden Westens

Es ist nicht nur die tragische Geschichte einer Legende, die Elizabeth Burden uns erzählt, es ist gleichermaßen auch die Geschichte des Wilden Westens. Die großen Schlachten, die bedeutenden Generäle, die großen Indianerhäuptlinge sind die Eckpunkte, die gleichermaßen die Entwicklung der Vereinigten Staaten wie auch das Leben Calamity Janes bestimmen. Es ist viel Geschichte, über die die Autorin Elizabeth Burden in dem schmalen Bändchen berichtet. Und die war, so scheint es, eine echte Zeitzeugin. Ihr Originalmanuskript jedenfalls, so heißt es auf dem Vorblatt des Büchleins, hat die Familie Burden dem Verlag bereitgestellt. Und so wollen wir es denn glauben. Denn das Büchlein beinhaltet somit auch keinen Roman, sondern viel mehr eine Erzählung oder eher noch einen Bericht. Einen Bericht eben der Elizabeth Burden, steht zu vermuten.

Calamity Jane
am Grab von Wild Bill

Aber so einfach ist es nicht. Denn stünde dann nicht zu vermuten, dass es Elizabeth Burden ist, die ihre Begegnung mit Calamity Jane schildert? Tatsächlich ist es ein nicht näher benannter Erzähler, der über Miss Burden berichtet, wie sie Calamity Jane über ihr Leben befragt. Durch diese Erzählweise verliert die Geschichte an Authentizität und an dem, was ich vorsichtig »Erlebnisqualität« nennen möchte.
Elizabeth wird uns als eigene Protagonistin, nicht als Erzählerin vorgestellt. Ihre Erlebnisse, die die Rahmenhandlung bilden, werden dadurch fast interessanter als die der eigentlichen Hauptfigur Jane. Die nämlich erzählt ihr Leben zwar in der ersten Person, aber ausschließlich rückblickend. Der Leser wird dadurch zum passiven Zuhörer, er nimmt die Abenteuer zur Kenntnis, kann jedoch nicht an ihnen teilhaben. Beide Frauen – Elizabeth ebenso wie Calamity Jane – bleiben somit eher abstrakt. Das ist sehr schade, denn auch die wahre Geschichte der charakterlich so vielschichtigen Martha Canary bietet wahrhaftig mehr als genug Stoff für einen Roman, bei dem man sehr gern mit ihr gelitten und gelacht hätte, statt sie beim lieben, spielen, saufen und leiden nur zu beobachten.

Was ist glaubhaft? Was nicht?

Sehr speziell ist nicht nur die Erzählweise, sondern auch die Form, in der das Büchlein daherkommt. Da ist das schöne sepiagetönte Cover, in der Anmutung eines zeitgenössischen Steckbriefs. Es zeigt Calamity Jane in Männerkleidung mit Gewehr. Die Ambivalenz der Person verdeutlicht erst der Schatten, den die Figur wirft, nämlich den einer Frau in langem Rock, Hut und Schirm. Viele Photographien zeigen Calamity Jane in ihrem Wildlederanzug, übersehen werden dabei oft die Abbildungen, die sie in Frauenkleidern zeigen. Tatsächlich sehnte sich Martha wohl nach einer Beziehung. Um ihrem Kind eine Familie zu bieten, heiratete sie sogar einen Mann, der sie misshandelte.
Es ist schwierig, bei dem Büchlein zu entscheiden, was glaubhaft ist und was nicht. Am ehesten entschließt man sich, es als die Wahrheit zu nehmen, wie Calamity Jane sie selber sieht, sie sich ihr Leben erträumte. Das Körnchen Wahrheit unter dem Staub der Prärie zu finden, gestaltet sich schwierig. Uneinigkeit herrscht schon bei ihrem Geburtsdatum. Es scheint, als sei das Jahr 1856 wahrscheinlich. Und was die Schreibweisen der Namen angeht, so variieren sie – Jane selbst konnte nicht schreiben und sie war sicher nicht die einzige. Ihr Name taucht als Martha Canary oder Cannary auf, ebenso wie Wild Bill Hickok auch als Hickock vorkommt. Im Wilden Westen sind andere Qualitäten gefragt.

Deadwood Friedhof
Wikimedia Commons:
Louisvillejg

Einigkeit herrscht allerdings bei der Angabe ihres Todestages: Martha Canary alias Calamity Jane starb am 1. August 1903. Wenn also Elizabeth Burden sich 1905 zu Calamity Jane aufmachte, so hätte sie nur ihr Grab angetroffen, das sich neben dem ihres verehrten Wild Bill befindet. Ein Photo zeigt sie an eben der Stelle, aufgenommen nur wenige Tage vor ihrem Tod. Es zeigt eine Frau, die versucht, an ihren alten Glanz anzuknüpfen. Sie ist erst 47 Jahre alt, als sie stirbt, aber jeder, der sie noch sah, hielt sie für eine Greisin. So möchte man keine Legende in Erinnerung behalten, und blickt daher nur zu gern auf die bunten Abenteuer, mit denen Journalisten und Autoren ihr Leben zusätzlich ausschmückten.

Obwohl sich Burden, wie sie sagt, auf die Wahrheit beschränken will, schreibt sie die Geschichte nieder, wie Martha/Jane sie ihr erzählt. Das ist mitunter ein wenig sprunghaft und mühsam nachzuvollziehen, wenn man in der Geschichte Amerikas nicht zu Hause ist. Zudem ist der Text auf den ersten Blick recht luftig gesetzt. Erst bei der Lektüre zeigt sich, dass die großzügig gesetzten Absätze nicht unbedingt Rückschlüsse auf den Inhalt erlauben. Die mitunter einfachen oder sogar doppelten Leerzeilen suggerieren einen zeitlichen oder inhaltlichen Abstand, der meist nicht gegeben ist und im Textverlauf irritierend wirkt. Ebenso wie der Umstand, dass im Gegensatz dazu ganze Dialogszenen gänzlich ohne Absatz fortlaufend gesetzt sind, und den Überblick über die jeweils Redenden und somit den Lesefluss erschweren.

Fazit
Ein Buch für all jene, die einen komprimierten Überblick über die Geschichte des Wilden Westens lesen möchten und sich insbesondere einen näheren Einblick in die Lebensumstände während dieser Zeit des Aufbruchs, und natürlich über das Leben der Calamity Jane erhoffen. Einige Unstimmigkeiten mit der überlieferten historischen Wahrheit, zum Beispiel das Todesdatum, lassen jedoch gewisse Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Geschilderten aufkommen. Ein Nachwort der Herausgeber wäre da hilfreich zur Einordnung gewesen.
Und wer angesichts des Titel »Mein Herz ist ein rauchender Colt« einen rasanten Western über eine der großen Legenden des Wilden Westens, mit eben diesen rauchenden Colts, Cowboys, Indianern und das durch verlassene Straßen rollende Tumbleweed – dieses abgestorbene Buschwerk, das in keiner öden Westernstadt fehlen darf, oder eine spannende, atmosphärisch dichte Abenteuergeschichte erwartet, der wird die Lektüre enttäuscht aus der Hand legen.
Was das Buch aber ausgezeichnet zu leisten vermochte ist, bei mir das Interesse am Wilden Westen zu wecken, die Lust, mehr darüber zu erfahren, von Land und Leuten, von Freiheit und Abenteuer. Und allein deswegen hätte sich das Lesen gelohnt.

Weitere Fotos von Calamity Jane finden sich hier und hier.

Hinweis der Redaktion
Die Autorin Elizabeth Burden alias Sarah Rubal wies uns per E-Mail freundlicherweise auf folgenden Umstand hin {Zitat aus der E-Mail vom 20.Oktober 2015}:
»Liebes Histo Journal, ich bitte um eine Korrektur: Im Buch ist sehr wohl 1903 als Sterbedatum angegeben, dem Verlag ist lediglich in der Ankündigung ein Fehler unterlaufen. Bitte ergänzen Sie das in Ihrer Rezension. Ein Blick auf die letzten drei Seiten des Buches genügt, um zu sehen, dass dort das richtige Sterbedatum steht und auch das Jahr 1903 fortlaufend im Buch als Jahreszahl verwendet wird. Vielen Dank und viele Grüße Sarah Rubal«

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