Buchbesprechung: Die Dirnen von Karthago

Buchbesprechung: Gisbert Haefs – »Die Dirnen von Karthago«

Heiß ist es im Norden Afrikas

Gelesen & Notiert von Ilka Stitz


»Die Dirnen von Karthago«
Gisbert Haefs

Laster, Intrigen und Verbrechen im antiken Karthago
Der Erste Punische Krieg liegt ein paar Jahre zurück, aber der Frieden in Karthago ist trügerisch. Nach einer Reihe von Morden an Dirnen brodelt es in der Großstadt gewaltig. Und dann verschwindet dort auch noch ein römischer Senator. Bomilkar, der »Herr der Wächter«, muss in drei miteinander verstrickten Labyrinthen ermitteln: Unterwelt, Handel und Politik.
Bomilkar, »Herr der Wächter« von Karthago, soll die Ordnung der Riesenstadt hüten, wird aber gründlich daran gehindert. Einige Ratsherren finden, statt bezahlter Wächter könnten billige Sklaven diese Arbeit erledigen. Unruhen im Hinterland (ein drohender Aufstand gegen Grundherren) scheinen auf die Stadt überzugreifen – oder gibt es andere Erklärungen für eine Reihe von Vorgängen? In der Vorstadt wird ein Warenlager geplündert, im Hafen ein Frachtschiff in Brand gesteckt, der Schreiber des Reeders liegt morgens tot vor dem Ratsgebäude. Im Tempel der Tanit werden zwei Dirnen erstochen aufgefunden; jemand behauptet, in der Unterwelt der Stadt werde ein Machtkampf ausgetragen. Als abermals zwei Mädchen erstochen im Tempel liegen, erwägt die Zunft der Dirnen einen Streik, der die Geschäfte der Handelsherren emppfindlich stören würde. Bomilkar schickt einen seiner besten Männer los, der in der Unterwelt ermitteln soll. Am nächsten Morgen liegt er erwürgt und übel zugerichtet an einer Straßenecke. Ein Ratsherr verlangt, Bomilkar wegen Versagens zu kreuzigen, wenn er nicht binnen fünf Tagen alles klärt.

Weitere Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Verlags.

Trotz des hiesigen Novembernebels gelingt es Gisbert Haefs schon auf den ersten Seiten seines neuen Romans, mich unversehens in die drückende, stickige Luft Afrikas zu versetzen.
Bomilkar, der Herr der Wächter gerät aber nicht nur wegen der drückenden Sommerhitze ins Schwitzen. Seltsames geht vor in seiner Stadt Qart Hadasht, und er bekommt viel zu tun. An allen Ecken brennt es: Fast täglich liegen ermordete Dirnen vor dem Tempel der Tanit. Die Herrin des Untergrundes fürchtet, dass Konkurrenten ihr nach dem Leben trachten. Randalierer plündern Geschäfte, Lagerhäuser gehen in Flammen auf. Zu allem Überfluss bleiben die Karawanen aus dem Süden aus, weil marodierende Rebellen Landgüter überfallen.

Streikende Dirnen

Allmählich wird es eng für Bomilkar. Ist er der Aufgabe gewachsen, fragt man sich im Senat? Bomilkar ist ein hartnäckiger Ermittler, doch er und seine treuen Untergebenen sehen sich vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt. Dennoch machen sie sich mit Druck an die Arbeit. Nur, sobald Bomilkar und seine Wächter eine Spur treffen, versickert sie schon in den Winkeln der Stadt, kaum wird ein Zeuge gefunden, liegt er schon tot auf der Straße. Unfall, Mord? – Kann das alles ein zufälliges Zusammentreffen sein, fragt sich Bomilkar – und mit ihm der krimierfahrene Leser?
Die Lage eskaliert, als die Dirnen streiken. – Lysistrate-Rufe werden laut und Bomilkar droht die Kreuzigung. Doch dann scheint sein Schicksal noch weit Übleres für ihn bereit zu halten …
Es ist ein verwickelter Fall, den Haefs seinem Helden Bomilkar zu lösen zwingt. Er führt den Herrn der Wächter in jeder Hinsicht an seine Grenzen.
Haefs erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Der Herr der Wächter ist in Gefangenschaft geraten, soviel ist von Anbeginn klar. Nach und nach erfährt der Leser, wie es dazu kam. Steinchen um Steinchen fügt sich in das Mosaik zu dem Fall zusammen, der Bomilkar von Karthago bis an die südliche Grenze führt, zu entfernten Landgütern und einer geheimnisvollen Frau namens Sunissayet. Und am Ende zur Lösung des Falles, natürlich. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, auf den Bomilkar vertraute Begleiter zur Seite stehen, wie der aus früheren Romanen Haefs bereits bekannte Römer Titus Laetilius oder Bomilkars Freundin Aspasia. Aber es ist auch ein Weg, auf dem noch viel Blut fließen wird.

Ironische und geistreiche Dialoge

Haefs erzählt die Geschichte bedächtig und in gewohnter Üppigkeit. In einer Sprache, die die vertrauten Volten schlägt und wunderbare Bilder im Kopf entstehen lässt. »Bomilkar sammelte seine Gedanken, die wie aufgescheuchte Vögel umherflatterten, und versuchte sie in den Käfig der Pflicht zu sperren.« (Seite 52) Gleichermaßen kann Haefs typischer Ton durchaus als karthagischer, orientalisch blumiger Sprachduktus gelten. Seine ironischen, geistreichen Dialoge, in denen er einfach nur altbekannte Wahrheiten in Erinnerung ruft: »Wie man bei uns sagt, fängt alles Unheil damit an, daß es einen Fürsten, einen Priester und einen Steuereinnehmer gibt …« (Seite 278), so Bomilkars iberischer Unterführer Tersenno. Oder in denen es philosophisch wird, wie in dem Gespräch mit Freundin Aspasia: »Dieser Athener, Suqurattu …« (Bomilkar) – »Sokrates, Barbar.« (Aspasia) – »…hat über den Zustand des Unwissenden erhellende Dinge gesagt, die mir aber nicht weiterhelfen.« (Bomilkar) – »Das ist das Wesen der Philosophie, glaube ich … Sie hilft einem, die Fragen, auf die es keine Antworten gibt, besser zu stellen …« (Aspasia) (Seite 97).
Nein, ›daß‹ ist kein Tippfehler, Haefs verwendet in seinen Büchern durchweg die „alte“ Rechtschreibung, was mir allerdings erst in der Mitte des Buches aufgefallen ist …

Die Übersicht über Namen und Ausdrücke sowie die Karten am Ende des Buches waren eine nützliche Ergänzung, um Bomilkar auf seinen Wegen begleiten zu können. Dem nicht mit punischen, griechischen oder römischen Namen vertrauten Leser wäre allerdings ein Personenverzeichnis als Gedächtnisstütze hilfreich gewesen.

Fazit:

Die Dirnen von Karthago sind keine Lektüre, die sich in wenigen Stunden verschlingen lässt. Die verwickelte Handlung verlangt ebenso Aufmerksamkeit wie Haefs Sprache. Die Lektüre verlangt ihre Zeit, doch diese ist kurzweilig, anregend und inspirierend. Also: Kochen Sie sich einen Pfefferminztee, lassen Sie sich in die weichen Polster sinken und reisen Sie zu Bomilkar, dem Herrn der Wächter nach Karthago. Und dann wird diese Stadt sie in ihren Bann ziehen. Ganz gewiss.

Zum Interview mit Gisbert Haefs.