Histo Journal Hörbuch Rezension: Augustus

Augustus

Das neue Meisterwerk von John Williams

Verbündete, Gegner, Feinde – ein Herrscherleben in all seinen Facetten

Gehört & notiert von Alessa Schmelzer

Cover John Williams Augustus

Inhalt
Octavian ist neunzehn, sensibel, wissbegierig und will Gelehrter werden. Doch als Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars fällt ihm nach dessen Ermordung ein gewaltiges Erbe zu: Ihm, der von schwächlicher Konstitution, aber enormer Willenskraft ist, wird es durch Glück, List, Intelligenz und Entschlossenheit gelingen, das riesige Römische Reich in eine Epoche des Wohlstands und Friedens zu führen. Die besten deutschsprachigen Schauspielerstimmen lassen in fiktiven Briefen, Erinnerungen und Senatsprotokollen die Person eines gottgleichen Herrschers lebendig werden. Am Ende aber, von Frau und Tochter entfremdet, sieht er dem Tod so ungeschützt entgegen wie jeder andere Mensch auch.

Zu hören sind Christian Redl, Hanns Zischler, Jens Wawrczeck, Corinna Kirchhoff, Ulrich Noethen, Felix von Manteuffel u. a.

Übersetzung: Bernhard Robben
Besetzung: Cordula Huth
Ton und Technik: Mike Wayszak
Regie: Burkhard Schmid

Eine Produktion der ARD-Kulturradios für das ARD Radiofestival 2016.
Redaktion: Karoline Sinur, Hessischer Rundfunk, hr2-kultur
Verlag: derHörverlag

Hörbuch MP3-CD – 2
Laufzeit: 14h 11
ISBN: 978-3-8445-2371-3
Erschienen: 26.09.2016
Preis: 22,99 Euro

Hörprobe und das Making-Of auf der Website des derHörverlag.

»… die Machtmechanismen in einer Universität sind die gleichen wie im Römischen Reich.« – John Williams, Interview 1985

In Deutschland war der Autor John Williams {1922-1994} lange Zeit unbekannt. Zu Unrecht, hatte er doch schon 1973 für seinen Roman »Augustus« den National Book Award erhalten, neben dem Pulitzer-Preis der renommierteste Literaturpreis in den USA. Seinerzeit musste Williams sich diesen Preis mit dem Autor John Barth teilen, dessen Werk »Chimera« ebenfalls ausgezeichnet wurde. Erst jetzt – über 20 Jahre nach Williams’ Tod und über 40 Jahre nach Erscheinen – liegt »Augustus« in deutscher Übersetzung {übrigens hervorragend übertragen von Bernhard Robben} vor. Mit dem gleichzeitigen Erscheinen als vertonte Ausgabe mag für so manchen Hörbuch Fan ein Traum in Erfüllung gehen. Neben den mittlerweile zu Klassikern avancierten vertonten Romanen »Ich zähmte die Wölfin« von Marguerite Yourcenar oder der SPQR-Reihe des Autors John Maddox Roberts gesellt sich nun also »Augustus«. Und – so viel sei schon verraten – Autor Williams brilliert auf ganzer Linie.

»Schick’ den Jungen nach Apollonia.« – Caesar an seine Nichte Atia

Das Sujet des Autors John Williams war die Macht und der Erhalt derselben. Welche Veränderungen durchlebt ein Mensch, der sich ganz und gar der Macht verschreibt? Wenn er versucht diese zu erlangen, sie zu halten und zu festigen? Welches Resümee zieht ein solcher Mensch am Ende seines Lebens?
Er war nicht immer der Machtmensch, als der der ›Junge‹ schließlich in die Geschichte eingegangen ist. Zu Beginn seiner Karriere ist er ein junger, ewig kränkelnder Aristokrat {seine Frau Livia wird in der langjährigen Ehe ein wachsames Auge auf seine Gesundheit haben}. Seine Mutter Atia möchte ihren Sohn am liebsten in Watte packen. Julius Caesar erblickt in dem Jungen eine Fähigkeit, die Gaius Octavian an sich selbst erst erkennen wird, nachdem sein Onkel Julius ermordet worden ist. Ein entscheidender Moment in seinem Leben. Um es in abgewandelten Worten eines dänischen Prinzen zu sagen: Macht oder keine Macht, das ist hier die Frage … 

Nicht jeder Hörer mag sich in der Römischen Antike sofort heimisch fühlen; Männer, auch noch angetan mit einer Tunika – also einem Kleidchen – die komplexe Reden zur Lage des Römischen Reiches im Senat schwingen, muskelbepackte Gladiatoren, die auf blutgetränktem Sand auf den jeweils anderen einschlagen und überdies jede Menge verrückter Kaiser … Von all den vielen Lateinschülerinnen und Schülern einmal ganz abgesehen, die allein bei der bloßen Erwähnung Caesars ›Bellum gallicum‹ augenblicklich an Herzrhythmusstörungen zu leiden beginnen …  — All Ihr so Leidgeprüften, entspannt Euch! Lehnt Euch zurück und genießt, was Euch dargeboten wird. Denn diese Geschichte bietet nicht nur das ›Who is Who‹ der damaligen Welt mit Caesar, Augustus, Cicero, Marcus Antonius, Livia und Julia, Agrippa, Cleopatra, sondern bietet einen spannendes Reigen um das höchste Amt im Staate. Ein Machtkampf der aufregender nicht sein könnte und der Dank Williams’ feinsinnigem Sprachwitz zu einem Fest für alle Sinne gerät. Allein Caesars Briefe zu hören bereitet Vergnügen, man muss sie einfach lieben. »Übrigens«, schreibt er so zum Beispiel über den aktuellen Ehemann seiner Nichte Atia, »wie geht es Marcius Philippus, den Deinen Gatten zu nennen Du das Vergnügen hast? Er ist ein solcher Narr, dass ich ihn fast schon wieder mag.« Über Gaius Octavius’ Vater meint er: »Dein verstorbener Gatte war, wenn auch in der eigenen Familie gewiss keine Leuchte, immerhin so vernünftig einen Sohn zu zeugen und seinen Aufstieg im Namen der Julier voranzutreiben …«. Oder diese hübsche Passage: »Du hast gewiss bemerkt, meine liebe Atia, dass Dein Onkel es zu Beginn dieses Briefes aussehen ließ, als hättest Du eine Wahl hinsichtlich der Zukunft Deines Sohnes. Nun muss Caesar es jedoch deutlich machen, dass dem nicht so ist.« {Prolog, Brief, Julius Caesar an Atia, 45. v.Chr.}
An dieser Stelle mag sich der geneigte Lateinschüler fragen: Wann im Unterricht habe ich diese Briefe verpennt? Tja. Überhaupt nicht. Denn es gibt sie nicht. Sie entspringen einzig und allein Williams’ überbordender Phantasie. Das mag in gewisser Hinsicht für gestresste Lateinschüler tragisch sein, für die Literatur indes ist es ein Glücksfall. Ein Geschichtsbuch ist Williams’ »Augustus« Roman zwar nicht. All die Briefe, Notizen, Tagebucheintragungen, Fragmente, staatlichen Verlautbarungen, Erinnerungen eines Touristen und vieles mehr, sind bloße Fiktion. Aber – und das ist das Besondere und aufregend Faszinierende – Williams versteht es den römischen Stil- und Tonfall täuschend echt zu imitieren. Mit leichter Hand katapultiert er seine Hörer über zweitausend Jahre zurück in die Vergangenheit, mitten hinein in das pulsierende Rom. Mitten hinein in eine Zeit, in der ein junger Mann das römische Staatsgebilde auf den Kopf stellt und es in eine neue Ära überführt. In der es nur um eines geht, nämlich ein alle Epochen überdauerndes Motiv: Macht. In »Augustus« gibt es zwar viele, die die Macht dauerhaft erlangen wollen, aber nur einem gelingt es. Und eben dieser Mann wird in all den Briefen, Tagebucheinträgen usw. von innen und außen beleuchtet. Jeder – ob Freund oder Feind – nimmt den Charakter dieses Mannes unter die imaginäre Lupe, analysiert etwaige Motive, sein Leben und seine Entscheidungen, seien sie nun staatlicher oder privater Natur {falls dies überhaupt getrennt voneinander betrachtet werden kann}. Es ist eine überaus tiefgründige Reise, auf die Autor Williams seine Zuhörer mitnimmt.

»Wenn Leidenschaft im Spiel ist, ob in der Liebe oder im Krieg, sind Exzesse unvermeidlich.« – Maecaenas an ›Livy‹

Maecenas bringt es wunderbar auf den Punkt. Exzesse allüberall – und der Hörer spielt Mäuschen, denn ihm kommt nicht nur zu Ohren, was Maecenas in einem seiner Briefe Titus Livius anvertraut. Er erhält auch tiefere Einblicke in Agrippas Fragmente oder hört Cicero über den ›Jungen‹ {den späteren Augustus} parlieren, den er von Anfang an maßlos unterschätzt und erfährt aus erster Hand über Julias {sie ist die einzige Tochter des Kaisers} Schicksal und ihr Hadern mit demselben. Last but not least: Marcus Antonius. The one and only. Von ihm erfährt der Hörer die ganze Wahrheit, ungeschönt und so wahr, wie nur Antonius sie zu erzählen vermag. Anhand seiner Briefe darf ihm eine gehörige Portion Hybris attestiert werden, bestechend in ihrer schonungslosen Offenheit und stets witzig und voller Ironie niedergeschrieben bzw. vorgetragen. {»Welches Spiel Du auch immer zu spielen gedenkst, ich werde mich jedenfalls nicht an die Spielregeln halten.« – Marcus Antonius an Octavius Caesar} Antonius nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund … 

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